Living Room Gallery Cottbus

Ein Wohnzimmerkonzert für die Kunst

In Cottbus sind der Spreewald und Polen näher als Berlin. Das ist auch schön. Wenn aber was passieren soll, müssen die Studis das selbst auf die Beine stellen. So ein Projekt ist die Living Room Gallery. CouchFM-Reporter Hanno war in Cottbus und hat mit Organisator:innen und Künstler:innen gesprochen.


KULTURKOMPASS
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Cottbus – von der zweitgrößten Stadt Brandenburgs hören wir meistens, wenn es um Braunkohle oder Wahlerfolge der AfD geht. Hier studieren aber auch über 7.000 junge Menschen: an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU). Abseits der modernen Uni wird einem nicht besonders viel geboten. Aber gerade das spornt die Studierenden an, selbst aktiv zu werden. Sie veranstalten WG-Partys, von denen wir im gentrifizierten Berlin nur träumen können. Und um lokalen Kunstschaffenden und Musiker:innen eine Bühne zu geben, organisieren einige in ihrer Freizeit die Living Room Gallery (LRG).

Die LRG findet nun bereits zum sechsten Mal statt. Gegründet wurde sie 2011 von der Cottbuser Viva-con-Agua-Initiative, einem lokalen Ableger der NGO, die sich weltweit für sauberes Trinkwasser einsetzt. Anlass war damals die Auflösung einer WG: Die Mitbewohner:innen wollten in der leergeräumten Wohnung noch einmal eine Veranstaltung organisieren. Der Cottbuser Künstler Glenn Buchholz ist seit dem ersten Jahr dabei und erzählt mir von der Entstehung der LRG: „Es gab einfach eine Handvoll Künstler – auch aus Hamburg, Berlin und Leipzig. Die haben sich alle in der Wohnung getroffen und eine geile Ausstellung auf die Beine gestellt! Seitdem hat sich das immer weiterentwickelt und ist mittlerweile eine ziemlich große Nummer geworden in Cottbus.“

Alles andere als eine typische Galerie

Einmal im Jahr baut er mit einer Gruppe von Helfenden eine WG in eine temporäre Galerie um. Zwölf Stunden Wohnzimmerkunst, zwölf Stunden Konzerte und Partys an anderen Locations in der Stadt – das ist das Konzept. 

Weil die Ausstellung in bewohnten Räumen stattfindet, wird die Kunst greifbarerer, meint Leo Koppe, der in Cottbus Bauingenieurwesen studiert und auch Teil des Orga-Teams ist. Alles hängt quer durcheinander: experimentelle Fotografien neben Ölgemälden neben Skulpturen neben Sprachkunst. Die Genres sind nicht so steril getrennt, wie in Museen zum Beispiel, sondern bunt gemischt – wie man es eben bei sich im Wohnzimmer machen würde. 

Das verändert auch die Stimmung, sagt Leo: „Die Leute können dort den ganzen Tag verbringen und sich mit den Künstlern und anderen Leuten austauschen. Dadurch ist die Kunst nicht so abgehoben. Die Leute sind in einer ganz entspannten Atmosphäre; keiner muss ruhig sein oder aufpassen, dass man den anderen nicht stört. Genau das wollen wir: dass über die Kunst gesprochen wird, als wäre man im Wohnzimmer“

Ein offenes Projekt für alle

Ein Künstler, der schon häufiger ausgestellt hat, ist der Architekturstudent Alex Wacker. Er betont, dass jede:r sich mit einem eigenen künstlerischen oder musikalischen Beitrag für die Veranstaltung bewerben kann. Außerdem kann man einfach mithelfen: zum Beispiel beim Aufbau oder Abbau, oder als Verkäufer:in an der Bar. Insgesamt sind in diesem Jahr über 40 Künstler:innen, 10 Bands und 20 DJs Teil der Living Room Gallery. 

Für die Gäste ist der Eintritt frei – Spenden sind aber erwünscht. Diese gehen zur Hälfte an Viva con Agua. Die andere Hälfte spendet die Galerie an einen lokalen Verein. Der ist in diesem Jahr die Cottbuser Elterninitiative für krebskranke Kinder. Alex meint, dass das Event inzwischen über Uni-Kreise hinaus fester Bestandteil der hiesigen Kultur-Szene ist: „Es treffen verschiedenste Gruppen aufeinander: Familien, ältere Menschen, Studenten. Dieses Jahr haben wir auch Schulen angeschrieben. Es soll einfach ein Begegnungsort für alle möglichen Menschen im Bezug der Kunst sein.“

Sich ausprobieren und ausleben in Cottbus

Doch auch hier, im äußersten Südosten Brandenburgs, kämpfen Clubs und andere subkulturelle Orte ums Überleben. Aber gerade weil die Stadt auf den ersten Blick nicht so viel bietet, stecken Gruppen wie die Viva-con-Agua-Crew und andere Studierende der BTU so viel Herzblut in selbstverwaltete Freiräume wie die Living Room Gallery. Annelie Tschemmer studiert ebenfalls Architektur und wohnt seit einem Jahr in der Stadt. Sie erzählt, Cottbus sei spannend, weil wenige Menschen von Cottbus einen positiven ersten Eindruck hätten. „Wenn man sich aber auf die Stadt wirklich bewusst einlässt, öffnet sie eine so schöne Welt wo man sich völlig ausleben kann. Cottbus ist noch nicht ganz so ausgelebt wie Berlin – dadurch besteht die Möglichkeit, viel zu schaffen und an vielen Projekten mitzuwirken.“

Dass sich so viele engagieren hat auch an anderen Orten Menschen inspiriert. In Magdeburg, Leipzig und Greifswald haben Studierende inzwischen schon Living Room Galleries gegründet. Für uns Studis aus Berlin ein guter Anlass, mal raus zufahren, und Kunst, Musik und Wohnzimmer von Studierenden in anderen Städten auszukundschaften. 

Weiterführende Links

Instagram der Living Room Gallery 

Facebook-Seite der Living Room Gallery 

Instagram von Glenn Buchholz aka Glönn 

Instagram von Alex Wacker


Autor:

DelilahHanno