Die Kapsel

Erotik der Dinge
Schwarz-weiß-rot. Das Cover von Martin Reicherts “Die Kapsel”

Sternenmänner

Martin Reicherts Buch über die Geschichte von AIDS in Deutschland ist ein Warnschuss gegen das Vergessen – und hoffentlich auch der Startschuss für eine Debatte, die längst überfällig ist. Eine Rezension von couchFM-Redakteur Florenz

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KULTURKOMPASS

Florenz

VON Florenz

Am Tag danach bin ich sofort zu Dussmann gerannt und habe mir den Soundtrack bestellt. Von “120 BPM”, Robert Campillos Meisterwerk über den französischen Ableger von Act up. Ein Film, halb Polit-, halb Liebesgeschichte, der das Leben mit AIDS auf eine Art und Weise darstellt, wie ich sie vorher noch nicht gesehen hatte. Ohne Kitsch, so realistisch, dass es fast so wirkt, als schaue man eine Doku und keinen Spielfilm.

Der Film spielt im Paris der 90er Jahre, eine Zeit, in der die große Panik langsam abebbte und man anfing, sich zu organisieren. Seither hat sich viel verändert. Medizinisch, gesellschaftlich. In Deutschland ist die Zahl der Neuinfektionen seit einigen Jahren stabil. Die Lebenserwartung von Menschen mit HIV liegt nicht weit unter der von denen ohne. Das Ende von AIDS – eine reale Möglichkeit. Es ist kein Zufall, dass der taz-Journalist Martin Reichert ausgerechnet jetzt ein Buch darüber schreibt. Und dass es nicht in einem queeren Nischen-Verlag erscheint, sondern bei Suhrkamp, dem bürgerlichen Verlag par excellence, auch.

Der Titel von Reicherts Buch, „Die Kapsel“, beschreibt den Zustand vieler schwuler Männern, die nicht älter waren als wir, als die AIDS-Krise ausbrach. Sie lebten isoliert, also buchstäblich “abgekapselt”, von der Gesellschaft. “Die Kapsel“ hat aber auch eine pharmazeutische Referenz: Truvada, jenes Wunderheilmittel, das HIV-Infizierten therapeutisch, manchmal auch prophylaktisch verschrieben wird. Es sind diese beiden Pole, zwischen dem sich Reicherts Buch bewegt: Hoffnung und Schmerz, Solidarität und gesellschaftliche Ächtung.

Im diskursiven Spagat zwischen Literatur, Zeitungsberichten, Filmen, Comics und Interviews mit Zeitzeugen, Aktivisten und Betroffenen erzählt Reichert die Geschichte von AIDS in der Bundesrepublik. Über die ersten Fälle, die bekannt wurden, sogenannte “Ledermänner” aus den USA. Über die Spiegel-Ausgabe vom 6. Juni 1983 (“Tödliche Seuche AIDS“). Für viele Schwule ein Datum wie Nine Eleven. Jeder weiß, wo er sie gelesen hat. In der WG-Küche, am Strand…

Autor Martin Reichert bei der Buchpräsentation im Schwulen Museum

Irgendwie schaffte man es, das Kondom erotisch zu besetzen. Ausgerechnet das Kondom, das „nach Tod und Apotheke“ roch, sollte die Lust retten. Während man in Schweden oder den USA auf Abschottung setzte, fuhr Gesundheitsministerin Rita Süssmuth (CDU) einen Kurs der Verhütung – und bekam Widerstand aus den eigenen Reihen, allen voran Peter Gauweiler von der CSU, aber auch Horst Seehofer, der 1987 forderte, AIDS-Kranke sollten von der Gesellschaft getrennt und in “speziellen Heimen” untergebracht werden.

Schrecklich lang die Liste derer, die an den Folgen ihrer HIV-Infektion gestorben sind. 28.000 allein in Deutschland. Doch AIDS hat nicht nur das Leben vieler Menschen verändert, sondern auch die Gesellschaft, in der wir leben. Erstmals wurde öffentlich über Sex gesprochen. Die Kultur der Krankheit hat sich verändert. Es wurden Sterbehospize eingerichtet, alternative Bestattungsformen erprobt, bei Reichert nachzulesen in dem starken Kapitel über den Sankt Matthäus Friedhof in Schöneberg, auf dem nicht nur die Geschwister Grimm begraben liegen, sondern auch ein Gutteil der West-Berliner Schwulenszene.

“Die Kapsel” holt ein verdrängtes Stück bundesdeutscher Geschichte zurück ins öffentliche Bewusstsein. Wenn AIDS, so der Arzt Stefan Hinz, “wie eine Schuss ins stille Glück gefallen” ist, dann klingt Reicherts Buch wie ein Warnschuss an die Nachgeborenen: “Vergesst Eure Toten nicht!” Hoffentlich ist es auch der Startschuss zu einer – längst überfälligen – Debatte über dieses kollektives Trauma.

Wir danken dem Suhrkamp Verlag für das Rezensions-Exemplar.


Autor:

Florenz Gilly

Florenz