Der Dialekte-Atlas

Sag mir, wie du sprichst, und ich sag dir, wo du herkommst

Der „Atlas zur deutschen Alltagssprache“

Egal, ob Mensa, Büro oder im Tanzclub. Wo man in Berlin auch hinkommt, man hört den Dialekt in der Hauptstadt nur noch selten. Auch das Goethe Institut befasst sich schon seit Längerem mit dem Aussterben der deutschen Mundarten. Stephan Elspaß, Linguist an der Universität Salzburg, glaubt dennoch nicht, dass sie vom Aussterben bedroht sind und dokumentiert regionale Sprachunterschiede auf der Website „Atlas zur deutschen Alltagssprache“. Im Online-Interview erklärt er, wie es wirklich um unseren regionalen Sprachgebrauch steht.

Woher das Berlinerische „Wa?“ kommt und warum wir alle (zumindest manchmal) Rheinisch sprechen, hört ihr im Beitrag:

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Unidschungel
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Jetzt anhören:
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VON melanie
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Guten Tag, Herr Elspaß. In Ihrem Forschungsprojekt „Atlas zur deutschen Alltagssprache“ befassen Sie sich mit deutschen Dialekten. Sterben die denn wirklich aus?

Da müssen wir uns zunächst einmal fragen, was Dialekte eigentlich sind. Wenn ein Dialekt das ist, was die Ältesten reden, dann stimmt das zum Teil. Beispielsweise wird in großen Teilen Norddeutschlands nicht mehr Platt gesprochen. Dialekte verschwinden aber nicht völlig. Es ist eher ein Wandel, den wir im Sprachgebrauch erkennen können. Die Räume, wo ein bestimmter Dialekt gesprochen wird, sind heute nicht mehr so klein wie das früher der Fall war. Es gibt größere Gebiete, in denen die gleichen sprachlichen Merkmale vorkommen.
In unserem Projekt „Atlas zur deutschen Alltagssprache“ geht es aber nicht vordergründig um die Dialekte. Wenn wir nur Dialekte erheben wollten, dann müssten wir nur ältere Menschen befragen, die noch den ältesten Dialekt sprechen.

Worum geht es Ihnen dann?

Wir interessieren uns für das, was wir Alltagssprache nennen. Die Alltagssprache bewegt sich zwischen einem Dialekt und einer standardnahen Sprache.

Was macht unsere Alltagssprache interessant?

Alltags- oder Umgangssprache ändert sich schnell. Mein Projektpartner Robert Möller und ich interessieren uns seit vielen Jahren für die Variationen im deutschen Sprachraum. Die Vorlage zu unserem Projekt war der „Wortatlas der deutschen Umgangssprachen“ von Jürgen Eichhoff aus den 70er Jahren. Eichhoff hat darin die Variation der deutschen Umgangs- oder Alltagssprache bis in die 80er Jahre hinein dokumentiert. Wir wollten die sprachlichen Phänomene von damals noch einmal zum heutigen Zeitpunkt abfragen. Als wir dann erste Unterschiede festgestellt haben, haben wir uns entschieden, einen Internetatlas mit einem regelmäßigen Fragebogenverfahren zu starten.

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Wo heißt es „schellen“, „klingeln“ und „läuten“? Der Atlas für Alltagssprache macht es sichtbar.

Was wäre denn ein typisches Beispiel für sich wandelnde Alltagssprache?

Die Wochentagsbezeichnung „Samstag“ und „Sonnabend“ ist so ein typisches Beispiel für eine Variation im Wortschatz. Die besteht sowohl in den Dialekten – da gibt es sogar noch mehr Varianten – als auch im Standarddeutsch. Das Standarddeutsch ist das höchste Sprachregister, das wir verwenden. Beim Schreiben verwenden wir auch beide Bezeichnungen: Man kann das zum Beispiel bei manchen Zeitungen sehen, die in ihrer Samstagsausgabe „Sonnabend“ unter dem Titel stehen haben.

„Samstag“ oder „Sonnabend“? Regionale Sprachunterschiede machen sich auch auf unseren Zeitungen bemerkbar.

Und das war früher anders?

Ja. Auf der Karte aus den 70er Jahren sieht man, dass die Bewohner im nördlichen Teil Deutschlands – vom Rheinland mal abgesehen – damals eher „Sonnabend“ gesagt haben. Alle anderen haben das Wort „Samstag“ benutzt. Das hat sich 20 bis 25 Jahre später schlagartig geändert: Die Bezeichnung „Sonnabend“ konzentriert sich stark im Nordosten.

Bei Ihrem Projekt kann jeder online an den Befragungen zum heimischen Sprachgebrauch teilnehmen. Die Ergebnisse aus den Fragerunden veröffentlichen Sie dann auch auf der Website. Sie verorten auf geografischen Karten, wo bestimmte Spracheigenheiten auftreten. Warum haben Sie sich für diese Art der Erhebung entschieden?

Wir können durch das Internet viele Bevölkerungsschichten mit unserem Atlas ansprechen. Das ist mit den traditionellen Fragemethoden bei wissenschaftlichen Projekten nicht so möglich.

Wissen Sie auch, welche Art von Leuten an Ihren Befragungen teilnimmt?

Das sind Leute mit einem Interesse für Sprache, die aus allen Regionen und Bevölkerungsschichten kommen und 20 bis 40 Jahre alt sind. Es gibt aber auch jüngere und ältere, die mitmachen. Von den Teilnehmern erhalten wir manchmal sogar Vorschläge für Redewendungen, die wir im Projekt abfragen sollen.

Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Elspaß!


Weiterführende Links:

Homepage des Atlas zur deutschen Alltagssprache

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Autorin: Melanie

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