Wenn 70 das neue 50 ist

Rentner_innen haben heute eine lange To-do List

Bergsteigen geht auch mit alten Knochen. | © www.aktive-rentner.de
Bergsteigen geht auch mit alten Knochen. | © www.aktive-rentner.de

couchFM Reporterin Franzi K. hat den 69-Jährigen Kurt Kowalsky getroffen und mit ihm über Anerkennung bei der Arbeit, Rentenzwang und Slavoj Zizek gesprochen.

couchFM: Kurt, Du bist seit vier Jahren Rentner. Wie fühlt sich das Renten-Dasein an?

Kurt Kowalsky: Ich bin kein Rentner. Eigentlich sagen das ja die meisten Menschen über sich. Ich bin nicht 69, sondern 45 oder so. Und so ist mein Gefühl: Nicht mehr ganz frisch, aber noch geht’s und noch verdränge ich die Gebrechen.

couchFM: Welche Gebrechen?

Kurt Kowalsky: Ich kann nicht mehr Fußballspielen, Tennisspielen kann ich auch nicht mehr, aber ich bin körperlich ohne Probleme und Krankheiten.

couchFM: Du hast in deinem Leben eine Menge gearbeitet: Unter anderem als Lebenskundelehrer und Coach für drogenabhängige Jugendliche. Vor etwa vier Jahren wurdest du dann verrentet. Wie war das für dich?

Kurt Kowalsky: Ich hab lange überlegt, ob ich die Verrentung juristisch angreife. Ob ich dagegen klage, dass ich mit 65 verrentet werde, weil das ja meine Freiheit nach hinten einschränkt. Das hab ich dann aber doch gelassen, weil mein Arbeitgeber das nicht wollte.

couchFM: Was genau hat dich an deiner Verrentung gestört?

Kurt Kowalsky: Ich empfinde die Rente schon auch als einen Zwang. Ich hätte sie lieber flexibler gehabt, so dass ich mich langsamer in dieses Renten-Dasein hätte schleichen können. Also nicht von der Vollbeschäftigung auf 0, sondern es hätte mir gut getan, ein bis zwei Jahre noch mit 20 Stunden weiter zu arbeiten. Das wäre ein besserer Ausstieg gewesen, der mir den Übergang leichter gemacht hätte.

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VON Franzi K.
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couchFM: Etwa 37 Jahre arbeitet die_der Durchschnittsdeutsche im Leben. Als Student_in, die all das noch vor sich hat, ist es schwer vorstellbar, dass man sich als Rentner_in die Erwerbstätigkeit auch zurück wünschen könnte. Wie ist das bei dir?

Kurt Kowalsky: Mir fehlt die Arbeit schon manchmal. Vielleicht spielt das auch ne Rolle, warum ich recht schnell auf die Idee kam, einen Flüchtling ins Haus zu holen.

couchFM: …Einen syrischen Jugendlichen, den deine Frau und du letztes Jahr aufgenommen haben. Das ist ja im Prinzip auch ein Job. Und zwar ein ziemlich großer.

Kurt Kowalsky: Ich mache den Job unserer Gesellschaft. Ich finde unsere Gesellschaft muss diese Aufgabe lösen, die Menschen zu integrieren und Vater Staat, bzw. Mutter Staat muss man ja bei uns sagen, tut das wesentlich zu wenig. Wenn ich kann, will ich das gerne erledigen. Und das bringt auch unheimlich viel Anerkennung.

couchFM: Du hast dir eigene Strukturen in der Rente geschafft: Morgens Frühstückmachen und Zeitunglesen, nachmittags schwere philosophische Kost und abends Zeit für die Familie. Wie organisierst du dich?

Kurt Kowalsky: Ich hab eine To-do Liste, ich will auch was schaffen. Also gerade habe ich eben den Zizek „Weniger als Nichts“ – das ist eine Einführung in Hegels Philosophie – gelesen. Bin ganz stolz: Habe es geschafft, 1500 Seiten nicht nur zu lesen, sondern auch zu exzerpieren. Das ist wie Arbeit wie vom Chef oder Arbeitgeber, nur ich stell mir sie selber.


Weiterführende Links

Deutsches Zentrum für Altersfragen

Institut für Sozialwissenschaften, Lehrbereich Makrosoziologie HU Berlin


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Autorin:
Franzi K.

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