United We Stream

Ansicht eines tätowierten Arms, der mit linker Hand C-Djs spielt
© Pixabay

Das Berliner Nachtleben erlebt wegen der Corona-Pandemie eine tiefe Krise. Vollgestopfte Clubs sind zurzeit kaum vorstellbar, die aktuelle Lage ist existenzbedrohlich. Dennoch ist die Clubkultur bekannt dafür, sich schnell und spontan an neue Umstände anzupassen. Aber wie sieht die neue Wirklichkeit der Berliner Clubszene aus?


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Berlin gilt weltweit als Techno-Mekka. Berghain, Tresor, Watergate und Kater Blau gehören fest zur natürlichen Kulturlandschaft dieser Stadt. Menschen aller Altersgruppen und Hintergründe raven hier die ganze Woche rund um die Uhr. Jede Woche strömen tausende Techno-Fans aus aller Welt in die legendären Berliner Clubs, um die besonders freie Atmosphäre zu fühlen.

Nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie gehörten die Nachtclubs zu den Ersten, die von dem berlinweiten Shutdown betroffen waren. Die Community war frustriert. Was tun? Die Berliner Clubcommission hatte eine Antwort darauf: zusammen mit dem Netzwerk Reclaim Club Culture und vielen weiteren Akteur*innen aus der Clubszene haben sie die Initiative United We Stream an den Start gebracht. Seit dem 13. März geht die Party online weiter!

Großer digitaler Club

„Für uns war klar: Als Berliner Club Community müssen wir zusammenarbeiten und nicht uns als Mitbewerber sehen, wo sich jeder alleine durchschlägt. Wir haben uns überlegt, dass die Mischung aus Spendenaufruf in Verbindung mit einem Streaming aus Clubs die beste Möglichkeit ist, Aufmerksamkeit zu gewinnen“, erzählt der Pressesprecher der Clubcommission Berlin Lutz Leichsenring im Interview mit couchFM.

Mit einer Einzelspende bekommt ihr den Zugang zur Plattform United We Stream. Danach könnt ihr täglich DJ-Sets und Live-Konzerte, gestreamt aus verschiedenen Clubs der Berliner Szene, genießen. So wird während der Corona-Quarantäne die Clubatmosphäre in viele Wohnzimmer gebracht. Die Beiträge von DJs werden über Streaming-Kanäle und Social Media Plattformen verbreitet und wurden bis heute mehr als fünf Millionen Mal aufgerufen.

Solidarität brauchen Viele

Bei United We Stream geht es aber nicht nur ums Feiern. Die Initiative läuft unter dem Motto “Solidarität brauchen Viele” – die meisten Clubs kämpfen darum ihre Miete zahlen zu können, in diesen schwierigen Zeiten sind sie auf Unterstützung angewiesen. Die dazu laufende Spenden-Kampagnen, wie z.B. “Save Berlin’s Club Culture in Quarantine“, sammeln Geld für Künstler und Veranstalter die in finanzielle Probleme geraten sind.

Weniger greifbar, aber durchaus wichtig, ist die damit verbundene Unterstützung von unterrepräsentierten Gruppen. Berliner Clubs sind vor allem Räume, in denen viele widerständische Gruppen ein Safespace finden und auf sich aufmerksam machen können. United We Stream steht damit ebenfalls für die Vielfalt der Clubkultur und bietet Künstler*innen aus marginalisierten Gruppen eine Plattform. Nun haben sie auch einen Platz in der digitalen Welt, wo sie sich trotz Clubsperre sicher, wohl und frei fühlen können.

 Sind die Maßnahmen ausreichend?

„Das Projekt United We Stream ist jetzt über Berlin hinausgewachsen. Mehr als 45 Städte sind Teil dieses globalen Netzwerks und insgesamt haben wir knapp eine Million Euro gesammelt. Das reicht auf jeden Fall, um die Clubs, denen es jetzt wirklich sehr schlecht geht, zu unterstützen. Allerdings wird es auf keinen Fall reichen, um alle Clubs zu retten. Wir haben ausgerechnet, dass wir nur für die Berliner Clubs ungefähr zehn Millionen Euro bräuchten jeden Monat, um die laufenden Mieten, die Personalkosten und andere Leasing zu decken“, sagt Lutz Leichsenring.

Seit dem ersten Tag des Shutdowns sind die Organisatoren im Gespräch mit Politikern, um sie für die schwierige Situation der Berliner Clubszene zu sensibilisieren. Die Bundesregierung setzt sich, unter anderem auch durch das Programm NEUSTART KULTUR, intensiv dafür ein, die Zukunft von Kultureinrichtungen zu sichern. Von den bisher schon insgesamt fünf Rettungspaketen kommen der Clubszene Maßnahmen, wie bspw. Kurzarbeitergeld, Zuschüsse für Selbstständige oder auch das Stipendienprogramm „Reload“, zu Gute.

 Berlin, we miss you!

Einige Regeln in Berlin wurden bereits gelockert – Außenbereiche, Fitnessstudios und die meisten Kultureinrichtungen öffnen wieder. Versammlungen unter freiem Himmel sind nun auch wieder ohne Begrenzung der Teilnehmerzahl erlaubt. Doch für die Clubszene sieht es noch immer aus wie vor zwei Monaten. Die täglichen Live-Sets von internationalen DJs und DJanes vermitteln solidarische Werte und verhindern das Clubsterben, dennoch wird es noch sehr lange dauern bis wir die Clubs wieder ohne Hemmungen, Ängste und Abstand genießen können.

“Bis zum Herbst haben wir uns einigermaßen noch Luft geschaffen, durch die jeweiligen Hilfspakete. Wenn es über den Herbst hinausgeht, dann müssen wir wahrscheinlich noch einmal nachverhandeln, um diese Krise weiter zu überleben”.

Lutz Leichsenring

Weiterführende Links

United We Stream

Clubcommission Berlin

Arte Concert 


Autorin:

Maria