Ultra aber nicht mehr orthodox

Yehuda bei seiner Hochzeit in Jerusalem

Zwei junge Israelis vollziehen einen radikalen Bruch mit ihrer strengreligiösen und äußerst exklusiven Glaubensgemeinschaft.

KULTURKOMPASS


Als Alice aus dem Wunderland durch das Kaninchenloch fiel, fand sie einen Raum mit unzählig vielen Türen an den Wänden wieder. Alle waren sie verschlossen und auch die Schlüssel passten nicht. Aus der Not entstand für sie eine einzigartige und wundersame Reise. Eine Reise zu sich selbst.

Als Chaim nach Antworten für sein Leben suchte, mag sich seine Reise ähnlich wie die von Alice angefühlt haben. Als Mitglied einer ultraorthodoxen Gemeinschaft in Jerusalem verließ er mit 24 Jahren seine Gemeinde und damit auch seine Familie, seine Frau und die drei Kinder. Zu allerletzt verließ er aber Gott.

Doch so ein Entschluss ist nicht mit einem Mal vollzogen. Es ist kein Uni- oder Jobwechsel, kein Umzug in ein anderes Land. So ein Schritt muss wohlüberlegt sein und vorbereitet werden. Denn unter den 800 000 strengreligiösen Juden, die in Israel leben, ist die Suizidrate unter den „Auswanderern“ sehr hoch. „Ich kenne Leute, die sich bereits umgebracht haben oder drogenabhängig geworden sind, weil sie ohne Rückhalt und ohne Führung im Leben nicht zurechtkamen“, erzählt Chaim. Rückhalt gab er Yehuda, den er aus seiner Gemeinde in Jerusalem kennt und auf seinem Weg in die „Freiheit“, wie Yehuda es selbst nannte, unterstützt hat.

Das ultraorthodoxe Viertel Mea Shearim geht auf Abstand.

Das bekannteste ultraorthodoxe Viertel in Jerusalem heißt Mea Shearim. „Gruppen, die durch unsere Viertel führen, beleidigen unsere Bewohner. Wir flehen euch an, dies zu unterlassen“, heißt es auf den vor den Eingangstoren angebrachten Schildern. Eine solche strengreligiöse Gemeinschaft hat die Aufklärung abgelehnt und kämpft heute gegen den technologischen Fortschritt. „Bei der Gemeindezeitung, für die ich gearbeitet habe, war es der Rabbi, der uns die Tagesinhalte diktierte“, erklärt Chaim. Der Internetzugang ist zensiert und viele gläubige Familien verzichten freiwillig auf das Handy. Jeder Tag sieht gleich aus, weil er meistens in der Jeschiwa verlebt wird, in der nichts anderes passiert, als dass der Talmud studiert wird. Alle Ultraorthodoxen werden in Israel noch vom Staat unterstützt. Viel ist es nicht und reicht weniger gesegneten Familien nicht zum Überleben, schließlich ist es nicht bloß eine Person, die einen Antrag auf finanzielle Hilfe stellt, sondern oftmals eine vierzehnköpfige Familie. Immer wieder brennen in Jerusalem und anderen ultraorthodoxen Gemeinden, etwa Bnei Berak die Mülltonnen. Die Gläubigen sind erzürnt, weil in der israelischen Gesellschaft seit Jahren Gerüchte herumgehen, die staatliche Unterstützung solle gestrichen werden. Für viele, die ohnehin nichts haben, ist das der Untergang oder aber ein Anlass, sich der weltlichen Gemeinschaft zu öffnen. Für viele ist dies jedoch dem Untergang gleichwertig. Der Deal, Ultraorthodoxe Juden zu fördern, ist alt wie das Land Israel selbst. Damals gab Ben Gurion das Versprechen jüdische Traditionen, wie sie in Osteuropa und anderswo bis zum Holocaust gelebt wurden, zu wahren und im Gegenzug bekam er ultraorthodoxe Stimmen für seinen Wahlsieg.
Seitdem stehen Schläfenlocken, Filzhut und Anzug unter Bestandsschutz.

Wie entstehen in einer derart isolierten Gesellschaft Zweifel? Wie entstehen Risse in ihrem Fundament?

Risse im Fundament

Vor zehn Jahren hatte Chaim bereits den Gedanken gefasst, die Gemeinschaft zu verlassen.
Alles bahnte sich damit an, dass er sich von Jahr zu Jahr immer weniger mit den Schriften des Talmudes identifizieren konnte. Ab sieben in der Frühe wird die Synagoge für eine erste Gebetsstunde besucht. Danach folgen vier Stunden Studien in der Jeschiwa, ein Mittagessen, ein Gebet und wieder Jeschiwa. Im ultraorthodoxen Judentum ist man Student auf Lebenszeit. „Vor den Gebeten in der Synagoge tat ich alles, um nach außen als Betender zu wirken und nicht aufzufallen, doch innerlich sagte ich kein einziges Gebet auf.“ Das war der Anfang seiner Reise.

„Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch in der öffentlichen Bibliothek in Jerusalem und wie ich zum ersten Mal unzensiert im Internet surfte.“ Dies und die Lektüre von John Stuart Mill sollen eine kleine Revolution in ihm entfacht haben.

Wie Alice aus dem Wunderland öffnete er eine Tür „und durch diese Tür kam Licht“, sagt er. „Die Gemeinschaft behält dich aber nicht als Unruhestifter“, so Chaim. Nachdem er sich an der Hebrew University für das Jurastudium eingeschrieben hatte und in der Gemeinde ankündigte, einen Artikel über das Freiheitsverständnis ultraorthodoxer Juden schreiben zu wollen, „wurde ich gewissermaßen aus der Gemeinde herausgeekelt“.

Eine Identitätskrise mit seinen Studien erlebte auch sein Freund Yehuda. Er befand sich in einem Ausbildungsprogramm für Rabbiner, also für jüdische Glaubenslehrer und Seelsorger. Im Volksmund geht ein Spruch herum und der lautet: Wenn du aus der Gemeinschaft scheidest, gehst du zu der Frage, wenn du ihr beitrittst, erhältst du die Antwort (חוזר בתשובה). „Auf mich hat dies nicht zugetroffen. Ich hatte sehr viele Fragen und auf alle Fragen gab es immer nur die eine Antwort: Gott. Das hat mich nicht erfüllt“, erzählt Yehuda.
In Lewis Carrols Erzählung stellt die Herzkönigin Alice eine Frage: „Woher kommst du denn und wohin willst du?“ Alice antwortete: „Ach, ich suche meinen Weg.“ Und die Herzkönigin erwiderte: „Deinen Weg? Alle Wege hier sind meine Wege!“
„Im Rabbinat lebte ich ein Leben, das die Gesellschaft von mir erwartete. Meine Freunde und meine Familie führen ein fremdbestimmtes Leben.“
Die Spitze des Eisbergs war für Yehuda erreicht, als er verheiratet wurde. „Es gibt einen Kuppler, der nach einer geeigneten Frau aus der Gemeinschaft sucht. Man trifft sich vier, fünf, zehn Mal und unterhält sich.“ Kinder unterschiedlichen Geschlechts werden ab dem dritten Lebensjahr getrennt. Seitdem gibt es keinen körperlichen Kontakt außerhalb der eigenen Familie. „In der Hochzeitsnacht wird erwartet, dass man aber bereits Geschlechtsverkehr hat. Dann ist von der Gesellschaft vorgegeben, dass man jedes Jahr oder jedes zweite Jahr ein Kind kriegt. Es ist eine 360 Grad Wendung.“ Mit seiner Frau hatte er anfangs eine gute Zeit. Kinder wollten beide allerdings nicht so schnell haben und so verhüteten sie. „Kondome sind in meiner Gemeinde ein großes No-Go.“ Trotzdem wurden sie genutzt. Seine Frau fühlte sich aber beobachtet, meinte, dass Gott sie sehen könne und nicht glücklich mit ihnen sei.

Während Yehuda dies erzählt, stottert er. Seine Geschichte zu erzählen, macht ihn nicht verlegen. „Ich bin es gewohnt, über mich zu sprechen. Denn das mache ich schon beim Psychologen“, sagt er. Yehuda hat Humor, nimmt den Glauben heute auf eine leichte Schulter und sieht keinen Weg zurück. Beim ersten Treffen mit einer neuen Frau reagiert er zunächst verhalten. Was soll ich auch sagen: „Hey, ich bin 33 Jahre alt, habe zwei Kinder, ich war religiös und verheiratet und bin jetzt geschieden.“

Das Leben ohne Gott

Ausgetreten ist Yehuda vor vier Jahren, doch die Yamaka (Kippa) hat er erst vor sechs Monaten ausgezogen. Die Kippa ist das, woran die Welt Menschen als Juden erkennt und unter den Juden ist sie das Merkmal der streng Gläubigen. Schläfenlocken, Filzhut und Anzug sind für Yehuda also passé und heute würde man dem Informatiker nicht mehr ansehen, dass dies einst seine Vergangenheit gewesen sein soll. Weil die ultraorthodoxe Welt eine Parallelgesellschaft zum israelischen Leben darstellt, musste Yehuda sich zunächst orientieren. Dabei half ihm ein Fernstudium, das er in Informatik ablegte. Ungewöhnlich, denn normalerweise reichen die Kenntnisse aus der Jeschiwa vergleichsweise nur bis zur 6. Klasse. Yehuda ist begabt. Es folgte ein Praktikum bei Google und daraufhin eine Übernahme beim gleichnamigen Unternehmen. „Ich hatte Glück, weil mein Vater amerikanischer Jude ist und wir neben Hebräisch zuhause auch Englisch sprachen.“ Chaim hatte es dahingehend schwerer. „Mein Englisch war nicht existent.“ Er holte seinen Schulabschluss nach und studierte daraufhin Jura. Heute arbeitet er beim Obersten Gerichtshof Israels. Trotz neuer Regeln, mit denen er sich befassen muss, ist Chaim glücklich. „Ich denke, in Jura muss man Regeln brechen und, dass ich das kann, habe ich bereits bewiesen“, meint er schlagfertig. Eines lähmt ihn doch: „Nach dem Austritt kann ich so gut wie nichts unreflektiert lassen. Warum dieser Job? Bin ich wirklich glücklich oder lebe ich doch wieder fremdbestimmt?“, lauten immer noch seine Fragen.

Mit dem Sinneswandel kam auch ein neues Leben

Ob die beiden eine neue Bedeutung gefunden haben? „Ich bin meine eigene Bedeutung und das ist schon Bedeutung genug.“

„Was würdest du mir bitte sagen, wie ich von hier aus weitergehen soll?“ „Das hängt zum größten Teil davon ab, wohin du möchtest“, sagte die Grinsekatze. „Ach, wohin ist mir eigentlich gleich…“, sagte Alice. „Dann ist es auch egal, wie du weitergehst“, erwiderte die Katze.“

31.05.2019


Autorin:

MaikeHKatharina Erschov