Shahzamirs Flucht

Shahzamir
Shahzamir lebt seit fast 3 Jahren in Berlin. | © Charlotte Thielmann

Der Schmerz muss auf die Blätter

2015 floh Shahzamir als unbegleiteter Minderjähriger aus Afghanistan nach Deutschland. Seine Flucht wird er nie vergessen.

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GESPRÄCHSSTOFF

Manchmal passiert es Shahzamir noch, dass er einen deutschen Buchstaben aus Versehen von rechts nach links schreibt. Das “n” zum Beispiel. Eine der vielen Kleinigkeiten, die ihn daran erinnern, wie anders sein neues Leben in Deutschland ist: andere Buchstaben, andere Religionen, andere Straßen. Ohne Angst vor Anschlägen, Gewalt oder sexuellen Übergriffen, aber auch ohne seine Eltern, ohne seinen Hund und ohne die schöne Blaue Moschee in Mazar-e Sharif, seiner Heimatstadt.

Shahzamir
Seit er 11 Jahre alt ist schreibt Shahzamir Geschichten und Gedichte | © Charlotte Thielmann

Als Shahzamir fünfzehn war, schickten ihn seine Eltern ihn nach Deutschland. Die Flucht war schrecklich, das Boot, das ihn nach Europa bringen sollte, sank.
Noch heute hat er Alpträume. Dann ist die Angst wieder da vor den bewaffneten Schleppern, vor den heimlichen Grenzübergängen mitten in der Nacht, die Todesangst im Meer. Seit Vater habe immer gesagt: Der Schmerz muss auf die Blätter. Wenn die Angst oder das Heimweh zu groß werden, schreibt Shahzamir deshalb auf, was ihm passiert ist.


Der einzige Sohn
Shahzamir Hataki

65 Menschen waren auf dem Boot
Der Schmuggler deutete auf einen Berg –
dort ist Griechenland, sagte er.

Das Wasser fiel wie Wände auf uns herab.
Der Motor stoppte.
Es waren viele Kinder im Boot.
Es kenterte.

Ich kann nicht schwimmen.

Zwei Minuten blieb ich unter Wasser,
die rote Weste zog mich an die Oberfläche.
Ich hatte furchtbare Angst.

Es war
sehr kalt.
Alle schrien. Ich auch. Vor mir war ein Kind.

Ich tröstete es, du musst
nicht weinen, und ich wusste es doch besser.

Eine Mutter ertrank vor
meinen Augen, ihr Kind im Arm.
Zwei Stunden, dann kam das Boot,
uns zu retten.
Überlebt haben 20 Menschen.
Die kleinen Kinder waren alle tot.

Ein Junge, er war so alt wie ich,
saß neben mir im Rettungsboot.
Er schrie immerfort
»Mutter, Mutter«.
Ich fragte ihn, warum weinst du?

Er sagte, seine Familie, sieben Menschen,
sie seien gestorben.
Ich fragte mich, wer hätte meinen
Eltern gesagt, wenn ich im Meer ertrunken wäre?
Ich bin der einzige Sohn.

Ärzte warteten.
Ich konnte mich nicht auf den Beinen halten.
Sie bargen nur acht Tote.
Wir Überlebenden kamen ins Krankenhaus.

Acht Tage und acht Nächte habe ich geschlafen.
Und jeder Tag im Krankenhaus kam mir vor wie ein Jahr.

Als ich losfuhr aus der Türkei, hatte ich 100 Dollar.
Sie gingen im Wasser verloren.

Am 20. Tag rief ich zu Hause an.

Mutter sagte, warum hast du dich nicht gemeldet?
Drei Tage habe ich nicht gegessen vor Sorge.
Ich sagte, ich sei wohlbehalten angekommen,
nur hätte ich das Geld für das Telefon nicht gehabt.

Wie konnte ich ihr sagen, dass ich
zehn Tage nur Kakao zu mir nehmen konnte, weil
mein Körper voller Salzwasser war?

Weiterführende Links

The Poetry Project Berlin – Allein nach Europa

Autorin:

Charlotte

Charlotte