Schweigende Balkone

Schweigende Balkone 01

Neue Nachbarn

Im letzten Jahr startete das Nachbarschaftsnetzwerk „Polly und Bob“, unter anderem die Aktion der „Singende[n] Balkone“. Entlang einer vorgegebenen Route spaziert die Friedrichshainer Kiezgemeinschaft von Straße zu Straße, um an einzelnen Balkonen zu verweilen und dort der Musik von KünstlerInnen gespannt zu lauschen. Sozusagen eine Art Minnegesang verkehrt herum, bei dem das liebevolle Musizieren einer ganzen Gruppe gilt, die sich da vor den Fenstern auf der Straße sammelt und schmachtend genießt.

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GESPRÄCHSSTOFF
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Jetzt anhören:
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VON Dana
und Melrose
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Schweigende Balkone 05

Dieser Umzug findet dabei im Herbst auch bei Kindern guten Anklang, wenn der Lampion mitgetragen werden kann. Statt der „Singenden Balkone“ musste am 2. November diesen Jahres jedoch gezwungenermaßen zur Demonstration der „Schweigenden Balkone“ aufgerufen werden, da das Ordnungsamt keine Genehmigung erteilen wollte. Unter den UnterstützerInnen, befanden sich neben den „Polly und Bob“-AnhängerInnen auch MusikliebhaberInnen, die sich aus Solidarität anschlossen. Genau darum scheint es dem Netzwerk zu gehen. Diese Art der Veranstaltung soll Menschen dazu bewegen, sich einander zu begegnen.
Ein Mitglied von „“Polly und Bob““ fragte aufgebracht, ob er denn eigentlich „eine Art Betriebserlaubnis für sein Kind bräuchte, wenn es spontan auf dem Balkon singen möchte“? Diese rhetorische Frage galt der willkürlich getroffenen Entscheidung von Amtswegen und letztlich auch den damit verbundenen Ausmaßen des Polizeiaufgebots. Viele der von uns Interviewten ärgerten sich über die starke Präsenz der Uniformierten. Auch wenn sie sich friedlich verhielten, verzerrten sie doch das Bild eines nachbarschaftlichen Kiezspazierganges komplett.  Kinder, die mit ihrer Laterne vor Balkonen standen und Lieder wie „Hänsel und Gretel“ mitträllerten, wurden nun von der Polizei als DemonstrantInnen behandelt begleitet. Dieses skurile Bild, so hoffen die NetzwerklerInnen, wird eine Ausnahme bleiben.

Schweigende Balkone 04

„Wir machen die Nachbarschaften dieser Welt vertrauensvoller, teilender und verbundener.“  So formulieren die Initiatoren von „Polly und Bob“ ihre Vision. Hinter diesem nicht gerade bescheidenen Wunsch versteckt sich nicht etwa eine Menschenrechtsorganisation, welche sich über Grenzen hinweg für eine friedlichere Verständigung einsetzt. Hier dreht sich alles um ein Nachbarschaftsnetzwerk, welches versucht seine Friedensvision ganz im Kleinen, nah am Privaten, quasi direkt vor der eigenen Haustür, umzusetzen. Mitten im Großstadtgetümmel sollen die Grenzen der Anonymität berührt werden.

Sehr viel Zugezogene, darunter viele Studierende, zieht es schließlich in die sogenannten „Szene-Kieze“, um sich dort frei und unbeschwert ausleben zu können. Hier angekommen, verheißen die Titel wie FHain, X-Berg oder Kreuz-Neuköln und Dank Gentrifizierung nun bald auch der Wedding, eine immerwährende kreative und innovative Brutstätte. Dort finden die Suchenden Clubs und alles Neue aus Design, Musik und Film. Wem es bereits zu schnell, zu laut oder zu grell geworden ist, gründet eine Familie und ist dabei „weiter raus zu ziehen“. Jene, die einmal auszogen, um in der großen Metropole das Fürchten zu lernen, zieht es nun, wo sie erwachsen geworden sind, wieder ins Grüne. Oder es betrifft ganz unfreiwillig diejenigen, die seit eh und je dort wohnen, den Osten und die Wende ihres Erachtens überstanden und den bunten Wandel aber auch die unschönen Veränderungen bis heute mitgetragen haben. So hinterlässt der mitunter klebrige Milchschaum der Prenzelberger Latte-Macchiato-Mütter überall seine Spuren, schafft es jedoch nicht, den zusammenhaltenden Kitt für die Gemeinschaft zu ersetzen. Vor allem wenn es heißt, nicht kleckern sondern klotzen!

Schweigende Balkone 02„Polly und Bob“ sehnen sich nach einer neuen Gemeinschaft. Statt ein Nebeneinander betonen sie ein Miteinander und setzen auf persönliche Begegnungen im digitalen Zeitalter. Sie wünschen sich ihre Nachbarschaft zu kennen, bieten an zu helfen und wollen unter Umständen auch gemeinsame Interessen teilen. Statt im Netz online hängenzubleiben, hofft die Gemeinschaft darauf die virtuell Verlorenen wieder einzufangen und ganz offline ins Lokale, als physisch Anwesende, zurück zu verorten. Dabei scheint es weniger darum zu gehen, die große Einsamkeit der Vielen zu bekämpfen oder Familienzusammenführungen zu initiieren. Vielmehr erwecken die ehrgeizig gesetzten Gruppenziele den Eindruck, Möglichkeiten für Erstbegegnungen schaffen zu wollen.

Aber wer genau braucht diese Art von „künstlichen“ Anstoß, um sich geborgen genug zu fühlen? Ist es wirklich so, dass es niemals eine Art Gemeinschaft davor gab? Was verbarg sich denn früher hinter dem sogenannten Kiezbegriff? Wer sind denn die Neuen, die eine neue Gemeinschaft suchen? Oder wollen die wieder nur das Rad neu erfinden?

Schweigende Balkone 03

In diesen Worten schwingt ironisch mit, was während meiner Hausflurgespräche mit Frau Meißner aus dem zweiten Stock immer anklingt und in meinem Kopf einen meist melancholischen bis traurigen Nachhall hinterlässt. Frau Meißner ist fast neunzig Jahre alt. Chronologisch und detailversessen kennt sie die Geschichte unseres Hauses, mitten in Friedrichshain. Zumindest was den häufigen Wechsel von Eigentümer und Verwaltung der letzten Jahre angeht. Momentan ziert jetzt ein rotlichtiger Schriftzug das Geschäft im Erdgeschoss. Aber diese Art von Etablissement kennt Frau Meißner aus den Neunzigern, denn diese gab es in dieser Straße damals fast ausschließlich und ansonsten nur die Punks. Diese sagt sie, „waren immer nett“. Immer wenn ich sie frage, warum sie nicht mehr Klavier spielt, antwortet sie mir, sie habe Angst wegen der Lautstärke Ärger bekommen zu können. Frau Meißner ist eine Urberlinerin, die ständig mit ihren alten Damen auf Achse ist. Ihr macht es weniger aus, nichts näheres über ihre direkte Nachbarschaft zu wissen. Ein „Polly und Bob“-Mitglied wird sie wahrscheinlich nicht mehr werden, da sie zwar grundsätzlich Gemeinschaft schätzt, diese jedoch vor langem schon gefunden hat. Genauso ist der Punk in seiner Szene wie auch der Hipster in seiner Subkultur zuhause und dort in ihrer jeweiligen Form von Gemeinschaft verhaftet.


Weiterführende Links:

Homepage von Original Unverpackt


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Autorinnen:
Dana und Melrose

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