Pride March Marzahn

Marzahn-Pride | Fotocredit: Azade Toygar
Marzahn-Pride | Fotocredit: Azade Toygar

Es ist Samstag der 18. Juli. Ich steige in den Zug nach Ahrensfelde. Für den ein oder anderen vermutlich nichts Besonderes, aber ich war das letzte Mal vor mehr als zehn Jahren in Marzahn. Es fühlt sich für mich fast so an wie eine kleine Zeitreise. Was mich heute dahin verschlägt? –Der erste Pride March in Marzahn 


KULTURKOMPASS


Am S-Bahnhof Raoul-Wallenberg-Straße angekommen, sehe ich schon Menschen mit Glitzer auf Haut und Haaren; andere mit Regenbogenfahnen. Man kommt sofort ins Gespräch – auf Russisch. Marzahn ist der Bezirk in Berlin mit den meisten russischsprachigen AnwohnerInnen. Viele fühlen sich Russland noch stark verbunden – auch politisch. Daher sind ablehnende Worte
und Diskriminierung der LGBT Community gegenüber keine Seltenheit. Der gemeinnützige Verein Quarteera hat daher kurzerhand entschlossen den ersten Pride March in Marzahn zu organisieren, um hier vor Ort bei der russischen Community für mehr Respekt und Akzeptanz zu werben.
Die Stimmung beim Pride ist ausgelassen. Die Musik wie erwartet gut, obwohl ich es nie hinkriege gleichzeitig zu gehen und zu tanzen. Ein jeder trägt auch hier das Must-have der Saison: die Mund-Nasen-Maske. Und doch wird die Ernsthaftigkeit des Pride Marchs immer wieder klar. Auf Plakaten und Vorträgen wird nicht nur mehr Akzeptanz für die russischsprachige LGBT gefordert, sondern es geht auch immer wieder um die Lage von sexuellen Minderheiten im
postsowjetischen Raum.

„Es ist eine Bereicherung für den Bezirk.“

An diesem warmen Sommertag in Berlin, haben viele ihre Fenster geöffnet. Ich bin erstaunt wie viele Menschen rausschauen und winken. Familien stehen am Straßenrand. Kinder gucken neugierig. Mit einigen der AnwohnerInnen habe ich gesprochen und wollte wissen, wie die MarzahnerInnen es finden, dass dieses Jahr ein Pride March in ihrem Bezirk stattfindet:

1. Mann; auf Deutsch: „Sage ich Ihnen ganz ehrlich… Dieses Land hat es nicht mal geschafft die Frauenrechte durchzusetzen; da fangen wir hier mit dem Kleinen an? Man sollte erstmal mit dem Großen beginnen – [die Rechte] der anderen Hälfte der Bevölkerung durchsetzen. Das hier ist eine Lappalie.“

2. Frau; auf Russisch: „Wundervoll! Es ist schade, dass aufgrund der Epidemie der eigentliche CSD nicht stattfinden konnte. Aber, dass es einen in Marzahn gibt freut mich.“

3. Mann; auf Deutsch: „Es ist auf alle Fälle eine Bereicherung für den Bezirk. Marzahn ist nicht schlechter als jeder andere Bezirk und warum soll er nicht auch hier stattfinden?“

Auch Galya von Quarteera e.V., den Organisatoren des Pride Marchs, ist sehr zufrieden: „[…] Wir haben gestern noch vorbereitet und hatten Sorge, ob das alles so klappt, wie wir das wollten. Ich bin wirklich überrascht, wie schön das geworden ist. Es klingt banal, aber ich kann meine Gefühle gerade nicht beschreiben. Es hat sehr sehr gut geklappt und viele haben uns zugewunken. Es war eine schöne Idee, dass wir das gemacht haben.“

Als Rednerin trat zu Beginn des Pride Marchs unter anderem die Bundesvizepräsidentin Petra Pau (Linke) auf. Den Veranstaltern zufolge nahem rund 500 Menschen teil. Nächstes Jahr möchte Quarteera wiederkommen, um für mehr Vielfalt zu demonstrieren. Denn Liebe ist Liebe.

Weiterführende Links

Gästezimmer mit Katya und Galya von Quarteera e.V. zur Lage von russischsprachigen LGBT in Deutschland und zu sexuellen Minderheiten in der ehemaligen Sowjetunion.

Webseite der Organisatoren: quarteera.de; marzahn-pride.de


Autorin:

DelilahLilia