Open Mike 2017

Open-Mike-2017_Preisträger
Die vier PreisträgerInnen (von links): Mariusz Hoffmann, Ronya Othmann,
Baba Lussi und Ralph Tharayil © gezett.de

Dem literarischen Nachwuchs die Tür öffnen!

Aller Anfang ist schwer. Vor allem wenn es ums Schreiben geht. Um jungen
Autoren die Tür zum Literaturbetrieb zu öffnen, lobte man vor 25 Jahren den
Open Mike aus. Am Wochenende lasen wieder 20 Autorinnen und Autoren im
Heimathafen Neukölln um die Wette.

Samstagnachmittag, kurz vor zwei. Der Saal im Heimathafen Neukölln, seit
Frank Castorfs unfreiwilliger Abdankung als Intendant der Volksbühne
wahrscheinlich Berlins letztes Volkstheater, ist bis auf die letzte Reihe gefüllt.
Depeche Mode dringt leise aus den Boxen. Eine gespannte Vorfreude liegt in
der Luft. Alles harrt auf die kommenden zwei Tage Lesemarathon. – 20
deutschsprachige Autorinnen und Autoren lasen beim diesjährigen Open
Mike, ausgewählt aus knapp 600 Manuskripten. Alle jünger als 35 und
niemand, der schon ein Buch veröffentlicht hat. So steht es in den Statuten.
Denn der Open Mike soll vor allem eines sein: Steigbügelhalter für junge,
nicht-etablierte Autoren.


Jetzt anhören:

KOLLEGENGESPRÄCH

Verglichen mit dem Klagenfurter Ingeborg-Bachmann- Preis, bei dem die
Juroren die Texte öffentlich diskutieren, agierte die Jury des Open Mike,
bestehend aus Nico Bleutge, Olga Grjasnowa und Ingo Schulze, eher im
Hintergrund. Ihr beharrliches Schweigen vor, während und nach den

Lesungen brach die Jury erst bei der Bekanntgabe der Preisträger. Zum
klaren Sieger in der Kategorie Prosa kürte sie Ralph Tharayil, ein Schweizer
Autor mit indischem Background, der sich in Das Liebchen mit seiner Identität
auseinandersetzt. Einen Blumenstrauß nebst Urkunde bekam auch Mariusz
Hoffmann. Seine in Polen angesiedelte Erzählung Dorfköter überzeugte die
Jury durch ihre souveräne Erzählweise. Der Preis für Lyrik – einer Gattung,
die in diesem Jahrgang etwas schwächelte –, ging an Ronya Othmann. Ihre
Gedichtblöcke würden sich der Sprache und den Konflikten der Gegenwart
nicht entziehen, so die Begründung des Jurors Nico Bleutge, der selbst
Lyriker ist.
Erwartbar, aber nicht weniger verdient: Baba Lussis Auszeichnung mit dem
taz-Publikumspreis. Gekonnt las Lussi ihren Text So kommt’s, die Geschichte
einer jungen Frau, die beim Nachhausekommen von einem fremden Riesen
überrascht wird. Doch anstatt schreiend aus der Wohnung zu laufen, schließt
die Ich-Erzählerin die Tür und setzt sich ihm aus. Dem Fremden,
Unbekannten. Obwohl Lussi keine Lesebühnenautorin ist, erinnert die Art,
wie sie ihren Text vorträgt, stark an Slam Poetry. Die rhythmische
Aneinanderreihung von Wörtern und Silben sei „eine neue, produktive Manie“
von ihr, erzählt mir Lussi nach der Preisverleihung.
Aber auch sonst gab es tolle Texte zu hören. Timotheus Riedel zum Beispiel,
der ein starkes, szenisches Stück las über einen Mann, der eines Tages
einen paradoxen Entschluss fasst: „Am 17. des 17. Juli 2014 beschloss
Stanley Malkowski, dass es an der Zeit sei, wahnsinnig zu werden.“ Was ein
Satz! Man merkt: Die jungen Autoren kennen ihre Klassiker. Kafka, E.T.A.
Hoffmann, Kleist, Stifter – doch sie beweisen auch Mut, sich von ihren
Vorgängern zu lösen, „zu tanzen“, wie es die Lektorin Sabine Baumann in
ihrer Sum up-Rede forderte.
Auffällig war das heterogene Personal vieler Erzählungen. Queere Figuren
wie der krebskranke Ben, der mit seinem Freund Sam eine Beziehung führt,
die „keine Definitionen braucht“ (Matthias Emanuel Tonon, Sam), standen
einigen, gebrochene Männerfiguren gegenüber, denen wir, in oft intimer
Nähe, durch ihre Welt folgen. Obdachlos, krank und naiv, vereinsamt und
verwahrlost bleibt ihnen, wie im Fall von Herrn Meier (Rainer Holl, Prolog),
manchmal nichts anderes übrig als die Manipulation der Gastherme. Der
Lektor Florian Kessler erklärt sich dieses Übergewicht gebrochener
Männerfiguren aus der Vorgeschichte des Wettbewerbs. Wurde den jungen
Teilnehmern doch gerne vorgeworfen, sie könnten nur über sich selbst
schreiben. Über Privates, das WG-Leben etc. „Vielleicht“, vermutet Kessler,

„ist der alte weiße Mann für junge Autorinnen und Autoren die neue Figur des
Anderen.“
Der Privatismus-Vorwurf traf in diesem Jahr aber nur auf einige wenige Texte
zu. Am ehesten wohl auf Magdalena Sporkmanns – handwerklich durchaus
gut gearbeitetes – Protokoll eines U-Bahn- Telefonats über ein Tinder-Date.
Der weitaus größere Teil der Texte aber scheut auch die ernsten Themen
nicht, erzählt von existentiellen Erfahrungen, von Vereinsamung, Depression,
Krankheit und Tod. Auch an Phantasie mangelt es dem literarischen
Nachwuchs nicht. Grandios Lukas Diestels Humoreske über den „Übelpeter“
Peter M., dessen Vorstellungen Wirklichkeit werden und am Ende steht er mit
dutzenden Doppelgängern in seiner Wohnung und weiß nicht mehr, wohin.
Und alles nur weil er nach 15 Jahren Berufstätigkeit einmal nicht mit der
Straßenbahn gefahren, sondern zu Fuß nach Hause gegangen ist! Eine
Geschichte über die Macht der Phantasie, aber auch ein ironischer
Kommentar der Debatte um eine Obergrenze für Geflüchtete.
Dotiert ist der Open Mike mit 7.500 Euro. Die müssen sich die drei
Preisträger allerdings teilen. Ums Geld gehe es aber auch nicht, erklärte mir
die Projektleiterin des Open Mike Jutta Büchter. Viel eher sei „der Sinn, dass
Kontakte geknüpft werden, die Autoren sich vorstellen können und dass viele
Verleger und Agenten im Publikum sitzen, die literarischen Nachwuchs
suchen und hoffen, ihn hier zu finden.“ Aha, Networking also. Und tatsächlich:
Aus manchem Saatkorn, das bei vergangenen Open Mikes gesät wurde, ist
eine prächtige Pflanze am Literaturhimmel geworden (Achtung, Katachresen-
Alarm!). Karen Duve, Terézia Mora und Kathrin Röggla – sie alle begannen
ihre Schriftstellerinnenkarrieren beim Open Mike. Und wer weiß, vielleicht ist
auch unter den Preisträgerinnen von heute eine Epigonin von morgen. Für
sie geht’s jetzt erstmal auf Lesereise nach Frankfurt, Wien und im nächsten
Jahr auch nach Bern. Voyage, voyage!
Die Texte des Wettbewerbs sind in einer Anthologie im Allitera Verlag
erschienen (14,80 Euro). Wer die Lesungen nachhören will, kann das bei
unseren Hildesheimer Kolleginnen und Kollegen von litradio tun. Unter
www.litradio.net.

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Autor:

Florenz Gilly

Florenz