Oh Sport!

Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer. Gilt das auch für den Sport? Ɩ © Delilah Y. Werdermann (Isle of Arran, Schottland)

Ludi publici: Lasst die Spiele beginnen!

Sport, geliebt und gehasst. Trotzdem begeistert er uns Menschen seit Jahrhunderten und vereint die Leute, die vorher niemals zusammen gefunden hätten.

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GESPRÄCHSSTOFF

Neben meinen Volleyballerfahrungen während der Schulzeit musste ich unweigerlich oft an die Bundesjugendspiele zurückdenken. Für die meisten Schüler*innen war dieser Tag im Sommer doch eher ein notwendiges Übel, was natürlich niemand offen zugeben wollte. Für mich hatten die Bundesjugendspiele auch eher den negativen Beigeschmack eines Zwangswettbewerbs, bei dem doch nur wirklich ambitionierte Sportskanonen ihre Freude hatten. Und wenn die Show auf dem Rasen beendet war, ging sie später im Klassenzimmer weiter, wenn feierlich die Ehren- und Siegerurkunden überreicht wurden. Dagegen wurden einige der Teilnehmerurkunden von der Lehrkraft mit einem Gesichtsausdruck übergeben, bei dem ich nie genau wusste, ob es Mitleid oder Unverständnis war. Um meinen Erinnerungen nachzuhelfen, habe ich selber einen Blick in meine alte Zeugnismappe gewagt. Beim Blick in die Vergangenheit fiel mir eine Siegerurkunde in die Hände, die unter anderem 4,12 m beim Weitsprung dokumentierte. Dahinter versteckte sich eine Teilnahmeurkunde des Vattenfall Schul-Cup Crosslauf von 2005, an dem nur “gesandte Rennkoryphäen” verschiedener Berliner Grundschulen teilnehmen durften.

Lang, lang ist’s her. Die Urkunden der nebeligen Vergangenheit. Ɩ © Delilah Y. Werdermann

Mehr finde ich nicht. Wahrscheinlich glänzte ich an solchen Tagen mit Abwesenheit oder diese Art von Dokument fand den Weg ganz schnell in die Mülltonne, wenn es eine Teilnahmeurkunde der Bundesjugendspiele war. Ja, der Sport wurde mir leider während der Schulzeit nicht wirklich schmackhaft gemacht. Rennen kann ich anscheinend ganz gut, aber selbst das konnte meine Stimmung nicht wirklich heben. Doch woher kommt eigentlich dieser negative Geist, der nicht nur mich befallen hat? Wenn man im Internet gezielt sucht, finden sich bereits unter den ersten Google-Ergebnissen genug Einträge wie “Was kann ich machen, wenn ich Schulsport hasse?”, “Ich hasse Sportunterricht!”, “Schulsport von heute ist ein Albtraum!” und so weiter und so fort.

Wahrscheinlich liegt es an der Förderung, die nur punktuell da ist (was auch anderen Fächern an den heutigen Schulen vorgeworfen werden könnte). Natürlich gibt es Schüler*innen, die es nicht allzu genau mit der Schule nehmen und ihren Tag lieber mit anderen Dingen füllen würden. Trotzdem bleibt es mir bis heute ein Rätsel, wie standardisierte Sportarten wie Fußball, Volleyball oder Völkerball (autsch!) qualifizierte Aussagen über die Sportlichkeit oder Unsportlichkeit eines jungen Menschen machen können. Von der Geschlechterdifferenzierung ganz zu schweigen, die anhand von Jahrgängen in vorgegebenen Tabellen festgelegt wird. Verständlicherweise kann aufgrund der eher beschränkten Zeit in der Woche nicht jeder Person ein individuelles Feedback gegeben werden. ABER liebe Sportlehrer*innen von heute: Der Satz “Er/Sie hat sich bemüht…” ist weder konstruktive Kritik noch hilft es der betreffenden Person dabei, etwas gezielt zu verbessern. Oder wollte man so etwas während der Referendariatszeit hören? Zum Sportunterricht und diesem Satz hat auch der Kabarettist Christoph Sieber seine Erfahrungen gemacht (ab 34:50 min.):


Vielleicht sollte ich das ganze Prozedere mal sportlich nehmen?! Als ich aber ein paar Foren durchstöbere, fällt mir immer wieder auf, dass einige von der Gruppenbildung berichten. Dass sie immer als letzte*r aus der Gruppe gewählt werden, manchmal mit hämischen Kommentaren. Moment mal, bedeutet Sport nicht auch Teamgeist oder sollen hier lonely coyotes gefördert werden? Egal, ob diese Szenerie von Schüler- oder Lehrerseite stattfindet: Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das kein angenehmes Gefühl ist und eher demotivierend wirkt. Und ich bin im negativen Sinne erstaunt, dass solche Schilderungen keine Einzelfälle an deutschen Schulen sind. Wenn ich Sportlehrerin wäre, kämen bei mir Gruppen nur unter Abzählen zustande.

Ich bin keineswegs für die Abschaffung des Sportunterrichts. Nur müssen an vielen Ecken und Kanten doch die Spinnweben von Turnvater Jahn so langsam, aber sicher weggewischt werden. Dass der Sport vom Wettbewerb lebt und auch Misserfolge zum Leben dazugehören, ist den meisten von uns wohl bewusst. Der Sportunterricht sollte aber zumindest so viel Raum geben, dass sich keiner aufgrund seiner Fähigkeiten ausgegrenzt fühlen muss. Und gezielte Demotivation sollten hier auch keinen Platz mehr finden.

(Info am Rande: Ich finde Bergsport ja ganz interessant, so ist das Titelbild auch entstanden. Meine Lungen kollabieren bloß ab einer gewissen Höhe ganz gerne. Wer also gute Atemtechniken kennt, kann mir gerne eine Mail schreiben!)


 

Weiterführende Links:

Bundesjugendspiele – abschaffen oder nicht? (Stern)

Dreifach-Mutter will die Bundesjugendspiele abschaffen (WAZ)

Sportpädagogische Tagung in Hannover: “Eine katastrophale Situation!” (Deutschlandfunk)

Sind Sportlehrer auf Notfälle vorbereitet? (Süddeutsche)


Delilah

Autorin:

Delilah