Maria 2.0 – Wie passen katholische Kirche und Feminismus zusammen?


Maria 2.0 – Wie passen Feminismus und Kirche zusammen?
Dr. Claudia Lücking-Michel (Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken) im Gespräch

Wer wagt es, am klerikalen Stuhl zu sägen? Maria 2.0 ist eine feministische Graswurzelbewegung in der römisch-katholischen Kirche. Sie fordert unter anderem eine umfassende Aufarbeitung der Missbrauchsfälle sowie die Öffnung aller Kirchenämter für Frauen – einschließlich dem des Papstamtes. Im Marienmonat Mai 2019 rief die Münsteraner Gemeinde Heilig Kreuz zum ersten mal zur Aktionswoche Kirchenstreik auf. Bundesweit schlossen sich

Frauen an, legten ihren Kirchendienst nieder, initiierten Frauenmessen vor den Gotteshäusern, hielten öffentliche Ansprachen und verfassten einen offenen Brief an den Papst Franziskus.

Wo steht die Aktion heute? Vom 09. bis 16. Mai haben katholische Frauen in Deutschland wieder protestiert. Im Gespräch mit Dr. Claudia Lücking-Michel geht es darum, wie und ob Feminismus unter extrem kirchlichen Bedingungen funktionieren kann. Lücking-Michel ist Theologin, ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete und heute Vizepräsidentin  des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.


In der Geschichte der Kirche gab es bereits feministische Bewegungen mit nicht nur gemäßigten Ansichten. Denen ist es bisher aber nicht gelungen, am patriarchalen System Kirche zu rütteln. Was kann Maria 2.0 bewegen?

Was kann Maria 2.0 bewegen? Sie haben schon unheimlich viel bewegt in dem Jahr. Es ist ihnen wirklich gelungen, im Mai 2019 von einer kleinen Initiative zu einer bundesweit, ja, ich glaube schon fast weltweit beachteten Aktion zu werden. Im Vatikan hat man sich verstört gefragt: Was ist das denn? Frauen, die streiken? Und von daher haben sie schon einiges erreicht.

Aufmerksamkeit und gemeinsame Aktionen sind ja das eine. Welche Erfolge konnte Maria 2.0 denn konkret verbuchen?

Wir sind jetzt bei der Frage: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Maria 2.0 hat einen wichtigen Punkt aufgespießt: Wie ist es eigentlich mit der Frage Frauen und Ämter in der Kirche? Und da haben sie vollkommen Recht. 

Wenn uns an der Stelle immer noch entgegengehalten wird, dass Frauen nicht geweiht werden dürfen, allein weil sie Frauen sind, dann haben wir ein Problem, Frauen aus dem Jahr 2020 wirklich dav

on zu überzeugen, dass sie hier in unserer Kirche gleichberechtigt sind und wirklich ernst genommen werden.

„[So] sollen die Frauen in der Versammlung schweigen…“

In der Bibel gibt es deutlich frauenfeindliche Passagen. Zum Beispiel im 1. Brief an die Korinther, Kapitel 14: “Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. […] Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen”.  Ich sehe hier zumindest wenig Spielraum für Interpretationen, was die Bibel über die Rolle der Frau denkt.  

An der Stelle kann man nicht lange herumdeuten. Da wäre ich Gedanken-Akrobat, wenn man da nicht sagen müsste: Da steht es nun mal eins zu eins. Die Frauen sollen schweigen und sind den Männern und ihren Ehemännern Untertanen – Komma, aber! Es gibt ganz am Anfang die Stelle in der Schöpfungsgeschichte, wo gesagt wird: Erschaffen wurden sie Frau und Mann als Gott ebenbildlich. 

Das heißt: Die eine Stelle, die kann man jetzt hochhalten. Und ich hole fünf andere raus und halte die dagegen. Und dann wird es spannend. Wer interpretiert denn? Wer gewinnt und sagt: Meine Interpretation ist richtig? Und da merken wir natürlich, dass Kirche und Theologie pastoral lange von Männern dominiert war, die gerne so einen Korintherbrief rausholten und noch hinterher sagten: Die Frauen sollen ihren Kopf bedecken. Und schon war klar, welches Frauenbild da prägend war.

Passen Feminismus und Kirche zusammen? (cc) be white


Auch Papst Franziskus hat sich geäußert und gesagt, dass Klerikalismus nicht die Antwort sei, sondern Frauen auch stark aus der Gemeinde agieren können. Ist das eine Stärkung der Rolle der Frau oder eine Ausflucht?

Ich erlebe es als eine Ausflucht. Dann sollten sie als erstes nicht nur ihr klerikales Gehabe, sondern die klerikalen Positionen selber aufgeben. Und dann können wir uns weiter unterhalten.

„Die Kirchenspaltung läuft schon.“

Die Kirche hat schon länger das Problem, dass ihr die Mitglieder verloren gehen. Droht sich die Kirche – auch im Hinblick auf die feministische Bewegung – zu spalten?

Die Kirchenspaltung läuft schon. 200.000 Kirchenaustritte jedes Jahr – was ist denn das anderes als eine schleichende Kirchenspaltung? Und zwar nicht wegen Maria 2.0. Sondern weil die Anliegen, die auf dem Tisch liegen und die bearbeitet werden müssen, nachhaltig ignoriert werden. 

Das dumme ist nur, dass viele von denen, die gehen, nicht laut die Tür hinter sich zuknallen, sondern einfach sagen: Es reicht mir und tschö!

Was bewegt Sie dazu, bis heute Teil einer frauenfeindlichen Institution zu bleiben?

Die Frage musste ich meiner Tochter schon mehrfach beantworten, die auch immer sagt: Was willst du da eigentlich? Ich würde sagen, dass ich an mir selber merke – gerade wenn ich die Kirche kritisiere und in Rage gerate – wie wichtig mir Kirche ist. Weil die Botschaft, die dahinter steht, wichtig ist. Weil so viel Energie, so viel Emotionen kommen. Weil ich unterm Strich sage, es ist mir viel zu wichtig, als jetzt aufzugeben und zu gehen. 

Aus jedem pusseligen Verein trete ich aus, wenn es mir reicht. Aber Kirche ist mehr als irgendein Verein, in dem ich Mitglied bin.

Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mit uns auf CouchFM über Maria 2.0 zu sprechen.

Vielen Dank.

Weiterführende Links

Website von Frau Lücking-Michel


Autor:

Martin