Kleine Bilder, großer Hass

Bunt beklebt mit politischen Botschaften von links bis rechtsaußen. Fotocredit: Franziska Kracht
Bunt beklebt mit politischen Botschaften von links bis rechtsaußen. | © Franziska Kracht

Ausstellung “Angezettelt” zeigt antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute

Sie begegnen uns am S-Bahnhof auf dem Weg zur Uni, am Stromkasten beim Stadtspaziergang oder an der Laterne vor’m Kiez-Café: Klebezettel mit politischen Botschaften. Das Deutsche Historische Zentrum in Berlin widmet ihnen nun eine ganze Ausstellung.


[white_box] [four_columns_one]


KULTUR-
KOMPASS
[/four_columns_one] [two_columns_one]

Jetzt anhören:

[/two_columns_one] [four_columns_one_last]


VON Franzi K.
[/four_columns_one_last] [divider] [/white_box]

Der älteste Aufkleber in “Angezettelt” stammt aus dem Jahr 1880 und ähnelt unseren heutigen Briefmarken. Da selbst klebende Sticker bis zum späteren 20. Jahrhunderts eine Seltenheit waren, mussten die Klebezettel, genannt auch Spuckis, zunächst angefeuchtet werden, um an der gewünschten Oberfläche haften zu bleiben. Das über 100 Jahre alte Zettelchen trägt den Text “Liebesgaben für den antisemitischen Agitationsfonds”. Es markiert den Beginn einer Ära der Jüd_innenfeindlichkeit, das bis in die fünfziger Jahre den Großteil der Klebezettel-Themen ausmacht.

Aufkleber im öffentlichen Raum – das zeigt die Ausstellung – sind nicht nur harmlose Schmierereien. Sie lassen Rückschlüsse auf gesellschaftliche Einstellungen und Entwicklungen zu: So wurde aus zunächst eher anonymem Antisemitismus (Klebezettel ohne Name der Person, die ihn angebracht hat) offene Hetze, indem jüd_innenfeindliche als Briefverschlussmarken auf persönliche Briefe geklebt wurden.

SONY DSCVom Bordstein ins Museum: Stromkasten und Co. | © Franziska Kracht
Vom Bordstein ins Museum: Stromkasten und Co. | © Franziska Kracht

Dass den Bildchen oft auch Taten folgen, davon zeugt nicht nur die Entwicklung bis hin zum Zweiten Weltkrieg. Im April 2015 schossen Unbekannte auf ein Flüchtlingsheim im hessischen Hofheim. Kurz davor wurden an mehreren öffentlichen Plätzen der Kleinstadt Zettelchen mit der Parole “Refugees not welcome” angeklebt.

Die Ausstellung will zeigen, dass Ausgrenzung und Hetze nach einem ähnlichen Schema funktionieren, auch wenn sich die Feindbilder tendenziell von kolonialisierten Ländern und deren Einwohner_innen (Kaiserreich), Jüd_innen (gesamte erste Hälfte des 20. Jahrhunderts) bis hin zu Migrant_innen und Geflüchteten (zweite Hälfe des 20. Jahrhunderts bis heute) gewandelt haben.

Viel Raum gibt es in der Ausstellung aber auch für die Gegenwehr gegen rassistische und antisemitische Klebebilder. In Videos, Bildern und Installationen werden Menschen und Organisationen gezeigt, die mithilfe von antirassistischen Stickern oder Nagellackentferner und Spachtel die Stadt freundlicher machen.

Menschen erzählen von Videos von ihren persönlichen Erfahrungen mit und gegen Rassismus und Antisemitismus. | © Franziska Kracht
Menschen erzählen von Videos von ihren persönlichen Erfahrungen mit und gegen Rassismus und Antisemitismus. | © Franziska Kracht

Die Vielfalt an Feindbildern und Gegenwehr sowie die Mischung aus beklebten Wänden mit Zettelchen verschiedenster politischer Couleur machen es für Besuchende nicht ganz einfach, die einzelnen Botschaften in ihrer Geschichte trennscharf zu verstehen. Außerdem wird in den Videos über die Aktivist_innen ein so energischer Kampf gegen Hetz-Zettel geführt, dass sich die Frage aufdrängt: Wo sind denn eigentlich die Nazis und Antisemit_innen, die die Bildchen aufkleben? Von ihnen bleibt in der Ausstellung ein vornehmlicher anonymer Eindruck – in Hunderten von Klebebildern.


Weiterführende Links

Deutsches Historisches Museum Berlin

Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin


[two_columns_one] [white_box]

Autorin:
Franzi K.

[/white_box] [/two_columns_one] [two_columns_one_last]

Mehr von:

[button link=“https://www.couchfm.de/radiomacher/steckbriefe/franziska-kracht/“ color=“black“ size=“xlarge“]> Franzi K.[/button] [button link=“https://www.couchfm.de/archiv/kulturkompass/“ color=“black“ size=“xlarge“]> Kulturkompass[/button]

[/two_columns_one_last]

[divider]