Jamie Isaac

Jamie Isaacs Musik ist West-Coast 50er-Jahre Cool Jazz, wenn er heute passiert wäre. Und in London. Und Rap-Crossover genau so willkommen geheißen hätte wie Verletzlichkeit. | © Bolade Banjo

Dabei sein, wenn Musik gemacht wird

Jamie Isaac, 24, Teil der South East Londoner Musikszene, stellt sein neues Album “(4:30) Idler” vor.

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Jamie Isaac ist nicht ganz happy. Das Mikro ist ein bisschen zu leise, das Licht ist rot statt blau, das Kabel vom Mikrofon hinter seinem Piano verheddert, das Pedal rutscht ständig zur Seite. Niemandem macht das etwas aus, niemandem außer Jamie. Der nimmt einen Schluck von seinem Bier, das er auf dem Boden abgestellt hat, noch einen, „it’s a little bit annoying“ sagt er, bevor er in den nächsten Song taucht, und da ist alles wieder vergessen.

Auf einem Konzert mit Jamie Isaac hat man das Gefühl, jemandem dabei zuschauen zu dürfen, wie er Musik macht, entstehen lässt. Ein Bossanova-inspirierter Beat trifft auf vielschichtige Klaviermelodien, da ist Jazz, da ist Soul, und außerdem ist da noch Jamies Gesang, der über allem schwebt. Und weil Jamie Isaac alles selber gemacht hat an seiner Musik, er vom Songwriting bis zur Produktion alles durchdacht hat, weiß er, was er will, und deswegen wirkt er jetzt, zwischen zwei Songs, ein bisschen angestrengt.

Jamies Feingefühl für Komposition kommt nicht nur durch sein Talent – er hat ein außergewöhnliches Gehör für Töne und für das, was zusammen gehört – sondern ist auch das Resultat einer klassischen Ausbildung: Er besuchte die BRIT-School, eine weiterführende Musikschule, zu deren Alumni Amy Winehouse, Imogen Heap oder Jamie Woon zählen. Nicht zuletzt durch seine Zeit dort knüpfte er ein enges Netzwerk an befreundeten Künstler*innen, mit denen er jetzt in South East London Musik schafft. Für das Schreiben seines zweiten Albums, das im Juni 2018 erschien, löste er sich aber aus diesem Umfeld und zog nach Los Angeles, Kalifornien. „Ich hab etwas ganz anderes gesucht,“ erzählt er im Interview vor der Show, „einen Ort, an dem es heiß ist und trocken, wo es einen Strand gibt.“ Seine Musik sollte das reflektieren: “Das neue Album sollte sich direkter anfühlen, lebendiger, vielleicht sogar ein bisschen fröhlicher.“

Genau das sagt er dann später auch bei der Show, wobei er dort vor dem Wort „fröhlicher“ eine kurze Pause lässt und die Stimme hoch gehen lässt, als wäre ein Fragezeichen dahinter. Denn auch „(4:30) Idler“ ist keine Musik, die man auf einer Party spielt, um die Leute zum Tanzen zu bringen, höchstens vielleicht am Ende, wenn es egal wird, neben wem man da auf dem Sofa liegt, es nach kaltem Rauch riecht und auf der Tanzfläche nicht mehr getanzt, sondern sich bewegt wird. Bewegen nämlich, das kann man sich zu Jamie Isaacs Musik richtig gut und deswegen bemerkt von uns auch niemand das mit dem Mikrofon oder dem roten Licht bei der Show.
 


Autorin:

Janne Knödler

Janne