J. Bernardt

Halloween
Ein entspannter J. Bernardt vor seinem Auftritt im Privatclub. | © couchFM

“Ich wollte ein Hiphop-Künstler sein. Aber am Ende war ich doch nur wieder ein Indie-Kid”

Super smoothe Beats, lakonischer Gesang und eine eleganter Balance zwischen Minimalismus und Bombast, so zeigt sich J. Bernardt auf seiner Debutplatte Running Days – und grenzt sich damit bewusst vom Sound seiner Band Balthazar ab.


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MUSIKNERDS

Dass Jinte Deprez a.k.a. J. Bernardt trotz eines erst im Juni veröffentlichten Debutalbums kein Neuling im Rampenlicht ist, verrät sich sofort, als er sich beim Interview völlig lässig und selbstverständlich neben mich auf den Sitz lümmelt. Passt! Genauso lässig und selbstverständlich klingt schließlich auch das Album Running Days. Übrigens genau wie die drei Vorgängeralben unter der Band Balthazar auch, bei der er sich zusammen mit Maarten Devoldere den Lead-Gesang teilt. Doch da hören die Gemeinsamkeiten mit der belgischen Indie-Rock-Band auch schon auf. Das Solo-Projekt J. Bernardt ist eine radikale Abwendung von der Musik Balthazars. Und das auch völlig bewusst: “Ich wollte etwas isoliert von der Band machen”.

Nach mehreren Alben, wachsendem Erfolg, wachsenden Touren und auch wachsender Eingespieltheit, braucht die Band eine Pause, um sich von den viel zu gut geschmierten Prozessen der Band- und Lablemaschinerie zu befreien. Drei Solo-Projekte entstehen. Doch nur für Jinte Deperz scheint die Abkehr von der Band ein Befreiungsschlag zu sein.
Alleine in seinem Zimmer fängt er an Musik zusammenzubasteln, inspiriert von der Musik, die er liebt, die ihm Spaß macht, aber die keinen Platz in Balthazar finden konnte: RnB, EDM und vor allem Hiphop. “Ich glaube, ich wollte eigentlich ein Hiphop-Künstler sein… aber am Ende war ich doch nur wieder ein weißes Indie-Kid”, sagt er lachend.

So verabschiedet sich J. Bernardt zu großen Teilen vom typischen Balthazar-Sound, weg von den 60er-Jahre-Einflüssen, weg von rein handgemachter Musik und klassischen Harmonien, hin zu Synthetik, Looping-Schleifen und Klang-Experimenten. Und die wichtigste Zutat: diese fette Portion Lässigkeit und Selbstverständlichkeit, die über das ganze Album ordentlich drübergepudert wurde.

Sie kennzeichnet das Album und macht es so unwiderstehlich cool und groovig. Ein kleines bisschen nimmt sie dafür aber auch die Authentizität der eigentlich ziemlich persönlichen und ehrlichen Texte voller Sinnlichkeit und Schmerz. Kognitiv versteht man die dahinterliegende Emotionalität, die J. Bernardt auch im Interview betont. Richtig fühlen tut man sie aber irgendwie nicht. Manchmal wünscht man sich, dass J. Bernardt auch einfach mal aus dieser steten Coolness ausbricht und ausrastet. Musikalisch passiert das dann auch mal – mit dramatischen Bläsereinsätzen und kreischenden Synthies – aber J. Bernardt wirklich mal ausbrechen sehen, das kann man am Ende nur live on stage. “Das schwierigste bei der Aufnahme eines Albums ist es, die Intensität zu erhalten. Live kann ich aber tanzen und schreien”.

Das Tanzen ist ihm bei dem Solo-Projekt besonders wichtig gewesen. Bei Balthazar ist er als Sänger und Gitarrist schließlich sehr eingeschränkt in der Bewegung. Als J. Bernardt hat er die Gitarre aber extra an seine Begleit-Band abgegeben, damit er unbescholten seine Gefühle auf der Bühne ausleben kann. Lohnenswert! Und jetzt nicht falsch verstehen: Soll nicht heißen, die Platte sei dies nicht. Im Gegenteil, Running Days ist rundum eine empfehlenswerte Platte und kann sich ungeniert neben Namen wie Chet Faker und Jamie Woon einreihen! Doch man versteht das Album einfach ein bisschen besser, wenn man J. Bernardt in Action erlebt hat.

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Autorin:

Hannah Muckelbauer

Hannah