HUGAR im Silent Green Kulturquartier

Quelle: KEXP 90.3 FM

Islands laute Stille

HUGAR begeistern das Publikum im „Silent Green Kulturquartier“ mit ihrer musikalischen Darbietung und nehmen das Publikum auf eine Reise in die schroffe Landschaft Irlands mit.


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Bereits seit 2013 beheimatet das ehemalige Krematorium Wedding in der Gerichtsstraße 35, den Kulturveranstalter „Silent Green Kulturquartier“ in seinen denkmalgeschützten Räumlichkeiten. Wer schon einmal ein sakrales Bauwerk betreten hat, weiß nur zu gut um die undurchdringliche Stille, die sich im Inneren dieser andächtigen Gemäuer breitmacht. Obwohl der 1910 fertiggestellte Gebäudekomplex längst aus seiner alten Funktion herausgelöst wurde, hat die funktionale Umdeutung des Kuppelwerks zum Konzertsaal keinen Verlust der eindrucksvollen Atmosphäre nach sich gezogen.


Der Auftritt des Ambient-Duos HUGAR aus Reykjavik, dessen Pseudonym das isländische Wort für „Gedanken“ umfasst, wirkte demnach wie eine Selbstverständlichkeit für das abendliche Kulturprogramm in der Kuppelhalle des „Silent Green Kulturquartiers“. Ein aufgeklappter Laptop, mehrere Synthesizer, eine mit unzähligen Effektpedalen beladene E-Gitarre, sowie ein Flügel und auch eine Posaune bildeten die instrumentalen Rahmenbedingungen für die berauschenden und vielschichtigen Arrangements, die die beiden Isländer Bergur Þórisson und Pétur Jónsson ihrem Publikum als ein geballtes, melodisches Klangbündel darlegten.
Leichtfüßig, kaum bemerkbar und still betraten die beiden in Schwarz gekleideten, langjährigen Freunde die in weißes Licht getauchte Bühne. Vor der Bühne wurde HUGAR von einer dem kulturellen Rahmen angemessenen Menge an Musikbegeisterten dankbar empfangen. Im Gegenzug entrissen die Isländer ihr lauschendes Publikum mit jedem Stück etwas mehr aus dessen düsterem Berliner Oktoberabend. Es sind zum einen Stücke aus dem ersten selbstbetitelten Longplayer Hugar, wie das malerische „Upphaf“ mit seinen schläfrigen Trompeten und seinen ausgereiften Streicherarrangements, oder die herzzerreißende Trauerhymne „Horn“, die den minuziös ausgetüftelten Klang HUGARs demonstrieren. Zum anderen bestätigen die unlängst veröffentlichten Stücke aus dem neuen Album Varða, die starke Bindung HUGARs zu ihrem Herkunftsland Island. Da wäre beispielsweise das Stück „Rok“, das auf isländisch sowohl Fels als auch Heimat bedeutet. „For us that´s Iceland“, schmunzelt Bergur Þórisson nach der Begriffserklärung in sein Mikrofon. Man spürt, dass beide sich in ihrer Musik geborgen und beheimatet fühlen. „Our music“, das erklärte mir der Gitarrist Pétur Jónsson während eines kurzen Gesprächs im Anschluss an das Konzert, „has a lot to do with where we are from and the way we grew up.“ Es wirkt also fast so, als hätte HUGAR seine eigene Klangsprache der Sehnsucht entwickelt, die sich durch ihren internationalen Erfolg, von Konzert zu Konzert, zu einer Weltsprache der lauten Stille macht.
Die musikalische Darbietung, die von einer Filminstallation – bestehend aus opulent bearbeiteten Schwarz-Weiß-Szenen Islands schroffer Landschaft – auf einer Leinwand über den Köpfen der beiden Musiker begleitet wurde, nahm das Publikum einmal mehr mit, auf eine tiefgründige Odyssee. Durch Islands unendliche Weite, durch die eigenen Gedanken und auch durch die stetig dominierende Stille des hohen Gemäuers des ehemaligen Krematoriums.


Autor:

DelilahAndré