Erotik der Dinge

Erotik der Dinge
Das Raue und das Gekerbte. Die U.S.-amerikanische Videokünstlerin Stephanie Sarley streichelt einen Pfirsich | Standbild aus Stephanie Sarleys Videoarbeit Shopping (2017-2018)

Ist das noch Kunst oder schon Pornographie?

Manche Dinge ziehen uns an, obwohl sie mit Sex rein gar nichts zu tun haben. Was ist es, das sie erotisch macht? Ihre Form, Farbe, ihr Material, die Art, wie wir sie benutzen, die Beziehung, in der wir zu ihnen stehen? Nach den Gesetzen des Erotischen fragt eine neue Ausstellung im Museum der Dinge – und führt plastisch vor Augen, wie sich der Sex über die Zeit verändert hat

Jetzt anhören:

KULTURKOMPASS

Florenz

VON Florenz
 
Wer sich die neue Sonderausstellung im Kreuzberger Museum der Dinge anschauen will, der muss das mit prall gefüllten Vitrinen prall gefüllte Museum erst mal seiner Länge nach durchqueren. Dort, ganz hinten, in einem fensterlosen Raum, in dem sich im Sommer die Körperausdünstungen stauen, als dürfte niemand von außen sehen, was hier drinnen gezeigt wird, findet man sie dann: die Ausstellung “Erotik der Dinge”. Am Eingang begrüßte uns ein kleiner nackter Spielzeug-Homer Simpson. Ein augenzwinkerndes Ding-Zitat der 2015 verstorbenen Kunstsammlerin Naomi Wilzig, die gesagt haben soll: “The history of sex begins with Homer.”

Wilzig, für die das Sammeln erotischer Kunst immer auch ein Akt der Emanzipation war, ist neben den beiden Sexualwissenschaftlern Magnus Hirschfeld und Alfred Kinsey eine der drei Sammler*innen, deren Objekte im Museum der Dinge ausgestellt werden. Über den Daumen gepeilt ca. 250 Objekte, aus ihren ursprünglichen Kontexten gelöst und neu geordnet nach den Begriffen “Werkzeuge der Lust”, “Körperformen”, “Bildträger” und dem, was Hirschfeld “Liebesmittel” nannte, also Sextoys, Dildos, Vibratoren, Penisringe.

“Erotik ist den Dingen nicht intrinsisch gegeben”, sagt Hannes Hacke, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle für Kulturgeschichte der Sexualität (HU Berlin) und Kurator der Ausstellung. Vielmehr komme es auf ihre Form, Farbe und Funktion an, auf das Material, aus dem sie gemacht sind und darauf, in welcher Beziehung wir zu dem Dingen stehen.

Das zu zeigen, ist Hacke und dem Kurator*innen-Team von “Erotik der Dinge” durchaus gelungen. Durch kluges Arrangement verschiedenster Gegenstände aus Alltag, Natur, Schule, Medizin und Schlafzimmer werden Dinge erotisch aufgeladen, denen außerhalb des Museums wohl niemand eines unzüchtigen Blickes würdigen würde: der “Schlauchnippel” zum Beispiel, Hackes Lieblingsstück, ein grauer, spitz zulaufender Adapter, der zwischen Wasserschlauch und Abflussrohr gesteckt wird.

Neben allerhand Kuriositäten könnt Ihr in der Ausstellung auch einige Raritäten beschauen: ein Dildo-Set aus Naturstoffen mit wechselbaren Aufsätzen, aufbewahrt in einem hölzernen Setzkasten. Eines der wenigen Objekte, die uns aus der Sammlung Hirschfelds erhalten sind. Ein Bekannter von dessen Bruder hat es 1933 vor den Nazis gerettet und viele Jahre später der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft übergeben.
 

Vor den Flammen gerettet. Japanisches Dildo-Kästchen aus der Sammlung Magnus Hirschfelds | Foto: Armin Herrmann

Gerade im Vergleich zu den heutigen Sextoys fällt ins Auge: Der Sex ist bunter geworden, vielfältiger, aber auch abstrakter. Die Industrie hat die Bedürfnisse von Frauen und Queers erkannt: weg von der Nachbildung realer Geschlechtsteile hin zu abstrakteren Formen. Funktionalität statt “Naturnähe”. Nachhaltigkeit wird ebenfalls groß geschrieben: ein Dildo, der in Aloe Vera eingelegt ist, ein anderer aus recyclebaren Werkstoffen, dieser hier dermatologisch getestet und der sogar spülmaschinenfest. Nur bei der Farbwahl scheinen Konsument*in und Industrie konservativ: Männer bekommen schwarze, Frauen bunte Dildos.

Die Diversifizierung des Sexes ist sicher eine begrüßenswerte Entwicklung. Ob aber proportional zum Angebot an Sexspielzeug auch unsere sexuelle Freiheit gewachsen ist, wage ich zu bezweifeln. Beim Anblick der vielen, funktional designten Genital-Werkzeuge beschlich mich eher ein gewisses Unbehagen, dass der Sex einer Logik der Effizienzsteigerung unterworfen wird, die man aus der Wirtschaft kennt.

Dass sich die Geschlechterverhältnisse auch in der Objektwelt manifestieren, zeigen nicht zuletzt jene Objekte, die vor 100 Jahren schon so manchem Geheimrat ein schenkelklopfendes Schnauben entlockt haben. Rauchwaren aus Messing – eine doppelbödige Schnupftabakdose, ein Aschenbecher mit Bade-Nixe, ein bepimmelter Pfeifenstopfer – sind die historischen Vorläufer jener ätzenden Scherzartikel wie die Busentasse oder ein Nussknacker in Form von Frauenbeinen, die pars pro toto für die Objektivierung der Frau stehen können.

Nachdenklich stimmt nur eines dieser Objekte: eine Meerschaumpfeife aus dem 19. Jahrhundert. Der Pfeifenkopf: eine Frau, deren Hinterteil entblößt ist. Die Spitze, an der man zieht, ist dagegen geformt wie ein Penis. Wenn das mal kein queeres Ding ist!
 

Penisköpfe. Alfred Kinsey (m.) et al. | © 2017, Kuratorium der Indiana University im Auftrag des Kinsey-Instituts

Um die Ausstellung aufzulockern, werden die historischen Exponate ergänzt durch zeitgenössische Kunst: ein Video der U.S.-amerikanischen Künstlerin Stephanie Sarley, in dem sie Obst und Gemüse streichelt, berührt, tätschelt und klopft. Toll auch das sensing materials lab der Kunsthochschule Weißensee, eine Versuchsanordnung zum Fühlen, Hören und dran Riechen: Wackelpudding, der unzweideutige Geräusche macht, wenn man ihn berührt, eine zischelnde Mini-Nebelmaschine, Genopptes, ein Meer transparenter Kügelchen in einem offenen, aquariumähnlichen Gefäß, die beim Hineingleiten mit der behandschuten Hand die Kopfhaut zum Kribbeln bringen…

Ungünstig nur das Timing der Installation Locker Room des Franzosen Marc Matin. Ein Spint, der bis oben hin mit abgetragenen Turnschuhen gefüllt ist. Eine Hommage an den Sneaker-Fetisch der Gay Community. Ich will nicht abstreiten, dass der Anblick von Turnschuhen erotische Assoziationen wachrufen kann. Bei mir wurden die aber überlagert von Erinnerungen an Donald Trumps “Locker Room Talk” und von der Vorstellung der Umkleidekabine als Raum sexueller Übergriffe.

Letztlich ist auch das ein Beleg dafür, dass der Grat zwischen Geschmack und Geschmacklosigkeit ebenso schmal ist, wie die Grenzen zwischen Kunst, Pornographie und Erotik fließend sind.

Anlass der Ausstellung ist der 150. Geburtstag von Magnus Hirschfeld (1868-1935). Ein Porträt des Sexualwissenschaftlers könnt Ihr Euch hier anhören. “Erotik der Dinge” läuft noch bis zum 27. August. Weitere Infos unter www.museumderdinge.de.


Autor:

Florenz Gilly

Florenz