Eine Wand und ein Gedicht und Kritiker

Bis Herbst 2018 wird das Gedicht voraussichtlich noch stehen bleiben | © ASH Berlin

Wie eine Fassade die Medien erzürnt

Auf einer Fassade der Alice Salomon Hochschule (ASH) in Berlin Hellersdorf prangt seit 2011 ein Gedicht des Poeten Eugen Gomringer. Er erhielt damals den Poetik Preis der Hochschule und sollte mit dieser Geste gewürdigt werden. Der Text des Gedichts, grob übersetzt, lautet:

Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Doch nicht alle Studierenden fanden Gefallen an dem Gedicht; kritisierten die darin dargestellten Verhältnisse von Frau und Mann. Am 12. April 2016 äußerte sich der AStA der ASH in einem offenen Brief über das Gedicht:

„Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind.“

In diesem offenen Brief forderte der AStA zum einen eine Erklärung der Hochschule, warum gerade dieses Gedicht ausgewählt wurde und eine öffentliche Diskussion über einen möglichen Austausch des Gedichts. Nachdem dann im Herbst 2017 entschieden wurde, im Rahmen einer Sanierung auch das Gedicht zu erneuern und durch ein anderes zu ersetzen, entbrannte in einigen deutschen Medienhäusern Panik; die Sprache war von Zensur, einem Angriff auf die Kunstfreiheit. Die “Welt am Sonntag” druckte das Gedicht gleich 15 Mal in einer Ausgabe ab, der Axel Springer Verlag zeigte das Gedicht auf LED-Bildschirmen am Verlagshaus. Ungewöhnliche klare Stellungnahmen, die man sonst eher in den Kommentarspalten vermuten würde. In vielen der Artikel findet jedoch der Prozess, der hinter der Entfernung des Gedichts steht, keine Erwähnung.

Wir machen einen Schritt zurück und unterhalten uns mit Bettina Völter, Prorektorin der ASH, über die Hintergründe der Entscheidung und fragen sie nach ihrer Einschätzung der medialen Debatte um das Gedicht.

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Nachlese

Wer sich genauer mit dem Thema beschäftigen will, tut gut daran, möglichst viele Quellen und Artikel zur Debatte zu lesen. Die Berichterstattung unterscheidet sich, abhängig vom Medium, teilweise gewaltig. Hier haben wir ein paar Artikel zusammengetragen, die den Fall von verschiedenen Seiten beleuchten.

Hintergrundinformationen von der ASH:

Der offene Brief des AStA, der die Debatte gestartet hat

Stellungnahme von Gesprächspartnerin Bettina Völter zur Debatte

Pro ASH:

Kolumne (10 nach 8) von Stefanie Lohhaus in Die Zeit

Kolumne von Margarete Stokowski in Spiegel Online

Kontra ASH:

Kommentar von Jochen-Martin Gutsch in Der Spiegel (Paywall)

Kommentar von Juliane Primus in der B.Z. Berlin


Serafin Dinges

Autor:
Serafin