Die Straße den Massen!

Die Fahrrad fahrende Masse erobert die Straßen | © Flickr.com

Die Fahrrad-Bewegung critical mass nimmt sich öffentlichen Raum

Zwei Mal im Monat findet in Berlin regelmäßig Zufall statt: die Fahrradbewegung critical mass macht sich die Straßenverkehrsordnung zunutze und erobert sich so ganz legal die Straßen.

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VON Anne-Sophie
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Es ist Freitag Abend. Fröhlich trete ich in die Pedale und rolle bei lauer Frühlingsluft über den noch warmen Asphalt. Normalerweise müsste ich auf einer viel befahrenen Straße wie dieser Angst haben, jeden Moment von hinten von einem vorbeiflitzenden Auto oder einem bedrohlichen Lastwagen millimeterweit überholt und dabei ernsthaft in Gefahr gebracht zu werden. An diesem Abend ist das anders. Denn um mich herum, vor und hinter mir, rechts und links, fahren andere Radfahrende, so wie ich, fröhlich und in aller Seelenruhe vor sich hin. Der Grund für die Ruhe: ich bin Teil einer Demonstration – einer Fahrraddemonstration. Genauer gesagt, gehöre ich an diesem Abend zur critical mass.

Die critical mass ist eine weltweit stattfindende Bewegung von Radfahrenden, die sich regelmäßig ein Stück Straße erobern, indem sie sich die Regeln der Straßenverkehrsordnung zunutze machen.  So besagt der § 27 der StVO:

„Mehr als 15 Rad Fahrende dürfen einen geschlossenen Verband bilden. Dann dürfen sie zu zweit nebeneinander auf der Fahrbahn fahren.“

Für einen geschlossenen Verband gelten die Verkehrsregeln eines einzelnen Fahrzeugs. Das heißt beispielsweise, dass ein solcher geschlossener Verband in einem Zug über eine Kreuzung fahren muss, selbst wenn die Ampel in der Zwischenzeit auf Rot umgeschaltet ist. Die Folgen für den Verkehr sind leicht auszumalen: finden sich mehr als 15 Radfahrende zusammen, dürfen sie ganz legal die volle Fahrspur für sich beanspruchen – und damit mitunter die hinterherfahrenden Autos voll ausbremsen und damit den Verkehr erheblich behindern.
Besonders an der critical mass ist auch, dass sie nicht wirklich organisiert ist: es gibt keine vorher festgelegte Route und auch kein Organisationsteam. Nur Zeit- und Startpunkt stehen fest. In Berlin ist das der letzte Freitag und der erste Sonntag im Monat am Mariannenplatz in Kreuzberg bzw. am Brandenburger Tor. Kurz nach 20 Uhr (und sonntags um 14 Uhr) stimmen die Radfahrer nach und nach ein in einen Chor an Fahrradklingeln – das Startzeichen.

Teilnehmende halten die Straßen frei | © Flickr.com

Die critical mass ist sozusagen „regelmäßig stattfindender Zufall“. Die Route wird spontan bestimmt, von den Leuten, die sich an diesem Tag zum gemeinsamen Fahrradfahren zusammengefunden haben. Das macht die ganze Aktion so charmant wie gewieft: Im Gegensatz zu einer angekündigten Großdemonstration, bei der die Polizei über die Route informiert ist, die Straße absperrt und die betroffenen Verkehrsteilnehmenden frühzeitig informieren kann, entgeht die critical mass der Einflussnahme durch die Ordnungshüter. Ihre Spontaneität ist damit ihre größte Waffe.
Dadurch wird verhindert, dass die anderen betroffenen Verkehrsteilnehmenden frühzeitig über Behinderungen informiert werden können. Für ein paar Minuten legt die kritische Masse regelmäßig den Verkehr lahm. Damit wollen die Radfahrenden auch zeigen, dass sie den Verkehr mitbestimmen können. Die critical mass ist keine Demonstration, aber trotzdem wollen viele damit eine Botschaft senden. Das sagt auch Nikolas Linck, Pressesprecher des ADFC Berlin. Er meint, mit der critical mass werde ein wichtiges Zeichen der Sichtbarkeit für Radfahrende gesetzt: Sie zeigen, dass sie zum Verkehr gehören und dass sie viele sind. Das sei auch die politische Aussage der Veranstaltung – wenn es denn eine gebe. Der ADFC tritt offiziell für die Anliegen und Rechte der Radfahrenden ein. Die critical mass macht das spielerischer: Den meisten Teilnehmenden geht es um den Spaß und das schöne Gefühl, die Straße mal ganz ungestört für sich zu haben. Das genieße auch ich an diesem Abend.


Weiterführende Links

Weitere Infos und Bilder zur Critical Mass

Zum Selbstverständnis der Bewegung


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Autorin:
Anne-Sophie

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