Benjamin und Brecht. Denken in Extremen

Titelbild Benjamin-Brecht
© Ann-Kathrin Canjé

Die Geschichte einer ambivalenten Freundschaft

Walter Benjamin und Bertolt Brecht. Zwei Denker, die von Hause aus mehr trennt als verbindet. Nun zeigt eine Ausstellung der Akademie der Künste wichtige Dokumente ihrer widersprüchlichen Beziehung. Ann-Kathrin und Florenz haben sich für euch die Ausstellung angeschaut.

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KULTURKOMPASS

Berlin 1924. Eine Pension in Wilmersdorf. Der 26-jährige Autor Bertolt Brecht trifft auf den ungleich älteren Kritiker Walter Benjamin. Der hatte lange auf diesen Moment gewartet. Doch das Gespräch will nicht so richtig in Gang kommen. Benjamins überspannte Ideen stoßen bei Brecht auf Desinteresse. Das ändert sich fünf Jahre später, als sich die beiden im Mai 1929 näher kennenlernen. Es entsteht eine enge Freundschaft, die weitere 10 Jahre dauern sollte. Ihre Geschichte dokumentiert die Ausstellung „Benjamin und Brecht. Denken in Extremen“, die vor kurzem in der Akademie der Künste eröffnet wurde.
“Die Konflikthaftigkeit ihrer Beziehung, die Themen Flucht, Exil, Gewalt und Terror und die Frage nach dem Politischen der Kunst machen das Thema heute so aktuell”, erklärt der Leiter des Kuratorenteams Erdmut Wizisla, der uns durch die Ausstellung führt.

Als wir den ersten Raum betreten, fallen sofort die riesigen Holztafeln mit Lebensdaten und Fotos von Brecht und Benjamin auf, die im Raum stehen oder von der Decke hängen. Auf den “klassischen” Museumsstil, die Wände mit Daten und Erklärungen zu versehen, wurde hier verzichtet. Für die Gestaltung war Simone Schmaus zuständig. Zwischen den Fotos und Tafeln befinden sich außerdem Hörstationen, die Berichte von Zeitzeuginnen greifbar machen. Eine davon ist Hannah Arendt. Die Freundschaft zwischen Benjamin und Brecht sei „einzigartig, weil in ihr der größte lebende deutsche Dichter mit dem bedeutendsten Kritiker der Zeit zusammenkam“, sagte die Philosophin 1968 bei einem Vortrag in New York, um das Ganze im Nachsatz wieder zu relativieren: „Und es spricht für beide, dass sie es wussten.“

Brecht und Benjamin waren Rundfunkpraktiker

Als wir einen Durchgang passieren, landen wir im zweiten Raum der Ausstellung, der „imaginären Bibliothek“. Die hölzernen Stellwände, die hier stehen, sind mit Zitaten zu verschiedenen Themen beschriftet: Krise und Kritik, Kommunismus und Faschismus, Marx, Kafka und Baudelaire, Brechts episches Theater und Benjamins ‚Aura’-Begriff. Thematisiert wird auch das damals noch junge Medium Radio. Denn Benjamin und Brecht waren beide Rundfunkpraktiker, wie uns Erdmut Wizisla erklärt. Sie hatten ein Konzept, was man mit Radio alles machen kann, was das Neue daran war und wie man selbst junge Hörerinnen und Hörer miteinbezieht.
Nach 1933 besuchte Benjamin Brecht mehrmals in dessen Haus im dänischen Svendborg. Die Zeit verbrachten sie Radio hörend. Als nur noch das Geschrei Hitlers zu hören war, hielten sie es nicht mehr aus und drehten das Gerät ab, so Wizisla.

Die Ausstellung will nicht nur Antworten geben, sondern auch Fragen stellen: „Was ist radikale Kunst? Wie begegnet man einer gesellschaftlichen Krise? Wer schreibt Geschichte? Dass sie das tut, zeigt auch das Exponat einer Druckfahne von einem Aufsatz über das epische Theater, den Benjamin 1931 für die Frankfurter Zeitung verfasste. Die Veröffentlichung wurde verhindert durch den Redakteur Bernhard Diebold. Seine Kritik: Brechts Theater sei ein „Theater der Gleichmacherei“ und habe eine Nähe zur NS-Ideologie. Wie er auf diesen Vergleich kam, bleibt unbeantwortet.

Was die Ausstellung außerdem deutlich macht ist, dass Benjamin und Brecht eine gemeinsame Leidenschaft teilten: Das Schachspiel. Als Motiv zieht es sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Sogar Brechts altes Schachbrett – mit blauer Tiist ausgestellt, mit blauer Tinte betropft. Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme aus dem Fotoalbum Helene Weigels zeigt ihn mit Zigarre, wie er zusammen mit Benjamin 1934 im Garten seines Haus in Dänemark Schach spielt. Diese Partie wird in der Ausstellung von einem Schachcomputer nachgestellt, den ein indisches Startup programmiert hat. Wie von Geisterhand bewegen sich die Figuren.

In einem Bereich werden Videos von Studierenden gezeigt, die ein Seminar von Erdmut Wizislas an der HU besuchten. Für die Ausstellung lasen sie jeweils einen Brief von Benjamin und Brecht in ihrer eigenen Landessprache vor. Im selben Raum sind Installationen von Alexander Kluge, Edmund de Waal und Zoe Beloff aus New York. Steffen Thiemann fertigte aus dem Plot zu einer unvollendeten Detektivgeschichte von Brecht und Benjamin eine Graphic Novel in Holzschnitten. „Mord im Fahrstuhlschacht“ heißt sie.

Wir können also von Glück reden, dass die lettische Regisseurin Asja Lacis 1924 das erste Treffen von Brecht und Benjamin arrangierte. Ohne sie hätten sich die beiden vielleicht nie kennengelernt. Ein Glücksfall ist auch eine seltene Tonbandaufnahme, in der Lacis über die Ursache von Benjamins verfrühtem Tod spekuliert: „Ich fragte ihn: Wie ist denn Benjamin gestorben? Brecht sagte mir, dass Benjamin zugrunde gegangen sei, wegen seiner Bibliothek. Er konnte sich von seinen Büchern nicht trennen. Aber er hat mir nicht gesagt, dass er Selbstmord begangen hat.“ In der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940 nahm sich Walter Benjamin an der spanisch-französischen Grenze das Leben. Erst 10 Monate später, im Exil in Santa Monica, erfuhr Brecht vom Tod seines Freundes. Unter den Initialen Benjamins notierte er in sein Notizbuch:

selbst der wechsel der/ jahreszeiten/ rechtzeitig erinnert/hätte ihn zurückhalten/ müssen
der anblick neuer gesichter/ und alter auch
neuer gedanken heraufkunft/ und neuer schwierigkeiten

Das Zettelchen, auf dem diese Zeilen stehen, hat Erdmut Wizisla erst wenige Wochen vor der Eröffnung der Ausstellung entdeckt und in mühevoller Kleinstarbeit entziffert. Einer von vielen Gründen, warum sich der Besuch der Benjamin-Brecht-Ausstellung lohnt.

Die Ausstellung „Benjamin und Brecht. Denken in Extremen“ läuft noch bis zum 28. Januar 2018 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10 in Berlin-Tiergarten. Geöffnet ist sie an allen Tagen der Woche außer montags, jeweils von 11 bis 19 Uhr. Der Eintritt kostet 9, mit Studentenausweis 6 Euro, und dienstags kommt Ihr ab 15 Uhr sogar umsonst rein.

Weiterführende Links

Homepage der AdK

Zum gleichnamigen Katalog, herausgeben von Erdmut Wizisla, erschienen im Suhrkamp Verlag

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